Dominantes Maskulinum

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Einer der wichtigsten Blogartikel des Jahres 2011 war für mich Anatol Stefanowitschs “Frauen natürlich ausgenommen”. Er führte zu erhitzten Diskussionen, die der Autor hier resümierte. Kurz und knapp: Das “generische Maskulinum” ist tot. Es lebe das “generische Maskulinum”. Was ich noch nicht kannte, war aber die folgende Argumentation für die männliche Bezeichnung gemischter Gruppen, die dem Vorwort einer Dissertation entnommen ist:

“Ich wende in der Regel geschlechtergerechte Schreibweise an. In Fällen von Gruppenbezeichnungen, deren Mitglieder überwiegend und in den meisten Fällen wohl auch nicht zufällig Männer waren, scheint es mir angebracht, diese geschlechtliche Dominanz anzuzeigen – absichtlich wird daher etwa vom Professorenkollegium einer Fakultät die Rede sein, auch wenn sich einige wenige Frauen darunter befanden.” (Thomas König, Die Frühgeschichte des Fulbright Program in Österreich, 2012, S. 11)

Findet Ihr es überzeugend, vom Professorenkollegium oder von den Professoren einer Fakultät zu sprechen, um damit auszurücken, dass es zwar vereinzelt Frauen darunter gegeben haben mag, Männer aber dominant waren?

Joachim
Das kann in diesem Kontext funktionieren. Ich bin durch Anatols Blogartikel und die In-Woche letztens mittlerweile so für das generische Maskulinum sensibilisiert, dass es mir meistens auffällt. Wenn eine ganze Dissertation in geschlechtergerechter Sprache verfasst ist, dann sollten generische Maskulina den Lesenden sofort auffallen und – im Zusammenspiel mit diesem Vorwort – die richtige Wirkung haben.

In allgemeinen Texten dagegen fällt das wohl nicht auf. Witziger Weise habe ich kürzlich in meinem Beitrag zum Beobachter in der Quantenmechanik etwas ähnliches gemacht, indem ich von Philosophen schrieb und in einer Anmerkung klar machte, dass das leider kein generisches Maskulinum sei.

dahlem
Mir wurde die Tragweite, wie tief Sprache eingreift, erst durch einige Beiträge von Anatol bewusst. Vor allem, dass das Geschlecht ständig mitkodiert wird, und wir einen zwingenden Bezug auf das Geschlecht immer vorfinden – und dies gar nicht so sein müsste. Ich beziehe mich hier vor allem auf ein Video (#om12 Sprache und Plattformneutralität) im dem Anatol “Wichtigkeit von Sprache” schön erklärt.

In diesem konkreten Fall sehe ich es wie Joachim. Gerade weil es viele zwingende Gegebenheiten gibt, ist die Sensibilisierung wichtiger, als verkrampft gleich die beste Lösung zu propagieren, die es in einem furchtbar trägen System gar nicht “auf Anhieb” geben kann. Alles was eine Sensibilisierung fördert, ist ein Schritt vorwärts.

Ich frage mich allerdings, ob wir je mit kleinen Schritten aus der gegeben Struktur heraus kommen? Und wenn nicht, reicht Sensibilisierung?

christoroliachristorolia
Geschlecht hat nicht zwei diskrete Zustände, nicht das biologische Geschlecht (sex) und schon gar nicht die Geschlechtsidentität (gender). Insofern kommen wir auf Dauer nicht umhin, in solchen Fällen geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden, und wenn es diese nicht gibt, müssen wir sie erzeugen.

Für den Anfang sollten wir meinethalben in dem erwähnten Fall anfangen, indem wir wenigstens beide, unseren gegenwärtigen Normen entsprechenden Geschlechter erwähnen, egal ob ein Geschlecht oder viele Geschlechter dort vorkommen mögen.

Wir müssen uns umstellen, und dabei sind Handlungen und Sprache unmittelbar miteinander verwoben. Beides, Handlung und Sprache, zu ändern, wird für alle unhandlich, unbequem und gewöhnungsbedürftig.

dahlem
Zum einen werden kontinuierliche Zwischentöne in einer notwendigerweise diskreten Grammatik nicht abzubilden sein. Zum anderen scheinen mir geschlechtsneutrale Begriffe selbst dann notwendig, gäbe es nur zwei diskrete Zustände. Dieses wird leicht übersehen und jenes könnte leicht als Gegenargument vorgebracht werden. Insofern wird eine Diskussion ohne Fokus auf Besonderheiten der Geschlechtsidentität leichter, und sei es nur, weil es schon mehr Akzeptanz hier gibt. (Nur sind die leichten Diskussionen nicht immer die spannenden.)

ErbloggtesErbloggtes
Dem Autor kann man hier wohl keine Vorwürfe machen. Die Sensibilisierung ist sicher bereits verdienstvoll, und dass er beispielsweise stets den “Austausch von WissenschaftlerInnen und Studierenden” (S. 14) als Zweck des Fulbright-Programms bezeichnet, dürfte manche altbackenen Historiker (und wohl auch manche Historikerinnen) bereits stören. Denn in den Quellen aus den 1950er Jahren ist natürlich immer nur von “Wissenschaftlern” und “Studenten” die Rede.

Aber solange es keine geschlechtsneutralen Bezeichnungen gibt, bringt man die wenigen nichtmännlichen Menschen sprachlich zum Verschwinden, wenn man pauschal die männliche Form verwendet – auch um Dominanz anzuzeigen. Häufig ist es ja nicht einmal so, dass wir sicher wissen, dass das Professorenkollegium sich ausschließlich aus Männern zusammengesetzt hat. Wir gehen nur davon aus, dass es so war, weil wir gerade keine Personenliste haben und auch keine Hinweise, die ein Abweichen von dieser Art “Normalität” belegen. Das gilt auch für Joachims Philosophen-Beispiel: Nur weil normalen Menschen kaum Philosophinnen einfallen wollen, heißt das nicht, dass es keine gibt oder gab. (Die deutschsprachige Wikipedia kennt derzeit 214, männliche Philosophen hingegen 3918.)

Wir brauchen dringend geschlechtsneutrale Bezeichnungen für allerlei Personengruppen! Wir können zwar inzwischen unabhängig vom Geschlecht miteinander trinken, aber noch nicht unabhängig vom Geschlecht übereinander reden. Prost!

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