Kannste Abschreiben

Joachim
Ich wunderte mich ja bei Guttenberg und Koch-Merin schon darüber, dass das Plagiieren in Doktorarbeiten immer als Zitieren mit fehlenden Anführungszeichen verharmlost wurde. Und jetzt geht der ganze Mist schon wieder los.

Ist es denn so schwer zu verstehen, dass das Problem nicht die fehlerhafte Zitierweise sondern einfach der Betrugsversuch ist?

Ein Schüler, der bei der Klassenarbeit wechselseitig bei linker und rechter Nachbarin abschreibt, hat doch auch nicht plötzlich eine Leistung erbracht, wenn er die abgeschriebenen Passagen alle in Anführungsstriche setzt und beischreibt, von welcher Nachbarin das stammt.

jhermesjhermes
Dass der Vergleich hinkt, weißt Du, Joachim, wohl selbst. Wissenschaftliche Arbeiten  sind (zumindest bei uns) keine simplen Wissensüberprüfungen wie Klausuren, sondern immer auch zu einem Teil eine Neukombination bereits vorhandener Ideen (ähnlich dem Sampling von Musikstücken). Dabei muss aber unbedingt kenntlich gemacht werden, wer denn alles welche Eingebungen genau beigesteuert hat. Dazu sollte man tunlichst einen eigenen Ansatz haben, den darzustellen die Übernahmen dienen (was das sonst für ein Eiertanz wird, hat Simone G. vom Blog Causa Schavan hier fulminant ausgeführt).

In Ausnahmefällen ist es ja auch so, dass einfach schon jemand anders genau das geschrieben hat, das gerade perfekt in die eigene Argumentation passt. Dann schreibt man es ab kopiert man es eben, setzt es in den eigenen Text ein und macht Anführungszeichen drumherum. Literaturangabe nicht vergessen. Dabei kann halt auch etwas schief gehen. Ich nehme an, in jeder wissenschaftlichen Arbeit finden sich Stellen, die eindeutige Plagiate sind, auch wenn gar keine böse Betrugsabsicht dahinter stand. Auch hier macht die Dosis das Gift. Das relativ eindeutige Voting des Promotionsausschuss der HHU-PhilFak legt nahe, dass sie im Fall der noch immer amtierenden Bundesbildungsministerin definitiv zu hoch angesetzt war.

Joachim
Nein, ich glaube, dass mein Vergleich genau den Punkt trifft.

Nach dem, was ich mitbekommen habe, stellt das Komitee auf die Betrugsabsicht ab. Ein Zitat ist nicht einfach ein eingefügter fremder Text. Zitate werden eingeleitet, zum Beispiel mit einer Phrase wie, “N.N. schreibt in X.:”. Und nach dem Zitat bezieht sich die Arbeit in der Regel auf das Zitierte und setzt es in Zusammenhang mit eigenen Gedanken. Wenn das fehlt, wenn Zitate unmarkiert in einem Konglomerat verschwinden als gehörten sie zum Fließtext, dann sind sie keine Zitate, dann ist das ein Betrugsversuch. Ob das im aktuellen Fall der Fall ist, habe ich nicht überprüft. Aber offensichtlich ist das der Standpunkt der Kommission.

ErbloggtesErbloggtes
Es setzt eine gewisse Gläubigkeit voraus, wenn man Resultate früherer Forscher in einer Weise übernimmt, mit der man sie sich aneignet und als eigene erscheinen lässt. Als Anverwandeln hat das Regina Ogorek in einem auch mehrfach lesenswerten Artikel beschrieben. Es könnte etwas mit Fachkultur zu tun haben, ob man so vorgeht, wie Du beschreibst, Joachim, also explizit nur behauptet, dass N.N. etwas geschrieben habe, nicht, dass dies obendrein wahr sei. Als mancherorts üblich ist mir bekannt, die Wahrheit der Aussagen in wissenschaftlichen Publikationen anzunehmen, solange man sie nicht bezweifelt (diskutiert, bestreitet). Diese Fachkultur besagt dann, dass man die Aussage von N.N. in der eigenen Argumentationskette wiederholt und in Anführungszeichen setzt und die Quelle nachweist, aus der man sie entnommen hat. Und dann gibt es noch eine Fachkultur, in der man in indirekter Rede und eigenen Worten vorträgt, was N.N. untersucht und herausgefunden hat, mit Quellenangabe am Ende.

Fatal ist aber – und das werden die universitär Lehrenden schon bald zu spüren bekommen – wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, man könne auch einfach leicht umformulieren, was andere zu einem Thema gesagt haben, und damit Seiten füllen. Ein paar Fußnoten willkürlich verteilen, vielleicht noch ein oder zweimal eine Übernahme als solche kennzeichnen, schon sieht’s für den oberflächlichen Betrachter genauso aus wie eine wissenschaftliche Arbeit. Es ist aber keine. Eine wissenschaftliche Arbeit erkennt man, so muss man es heute feststellen, leider nicht daran, dass vorne Dissertation draufsteht.

Dierk HaasisDierk
Als ich studierte, immerhin einige der Fächer, die nicht gerade als besonders rigide gelten [obwohl sie es sind!], Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er, wurde uns von den Dozenten sowohl drüben im Pferdestall als auch im Philturm im ersten Semester ganz klar gesagt und gezeigt, wie zu zitieren ist. Es wurde auch immer wieder darauf hingewiesen, warum das so zu machen ist – von ganz praktisch ‘die Verlage schreiben das so vor’ bis moralisch ‘sie wollen sich ja nicht mit fremden Federn schmücken’. Ja, nicht wenige Profs sagten bei Vergabe der Hausarbeitsthemen, dass diese dazu dienten, uns richtige Zitierweise beizubringen.

Dann gab es da noch meinen Doktorvater, der Zitate als ‘Illustrationen’ sah und uns einschärfte, dass unsere Arbeit auch ohne diese lesbar und verständlich sein müsse. Wir müssen also eine eigene Leistung erbringen, zu der eine nachvollziehbare Argumentation gehört. Wir schreiben vielleicht gegen Ideen und Schlüsse Anderer, wir führen Gedanken anderer weiter, wir nutzen sie als Sprungbrett.

Ich bin übrigens trotz teils unterirdischer Kommentare von Lesern überzeugt davon, dass der überwiegende Teil der Bürger wissenschaftliches Arbeiten, auch wenn er es nicht versteht, sehr wohl schätzt. Ich glaube auch, dass den meisten Menschen klar ist, dass der Wissenschaftsbetrieb sich ein recht rigoroses Korsett gegeben hat, das für notwendige Ehrlichkeit sorgt. Sie mögen die Details nicht kennen, aber die meisten von uns wissen auch nicht so ganz genau, wie der Motor in unserem Auto funktioniert. Oder die diversen Sicherheitseinrichtungen.

Problematisch sind leider Journalisten, die in den Plagiatsdebatten nicht analysieren und über die verschiedenen Aspekte getrennt schreiben, sondern alles durcheinander schmeißen. Ein besonders übles Beispiel ist Heike Schmoll bei der FAZ, die als ‘politische Korrespondentin’ seltsamerweise für die ‘Bildungswelten’ zuständig ist. Ich habe keinen Artikel zum Thema von ihr gelesen, in dem sie nicht Schavans politische Karriere, ihre gegenwärtige Position, den bevorstehenden Wahlkampf der CDU, die Leistung Frau Schavans außerhalb der Politik, die Größenordnung und Raffinesse Schavans Plagiiererei und noch ein paar andere Sachen fröhlich durcheinander warf. Mir ist nicht klar, ob die Verteidiger der Plagiatoren so dumm sind oder ob sie absichtlich Nebelkerzen werfen.

ErbloggtesErbloggtes
Journalisten sollen ja eigentlich darstellen, wie’s in der Welt aussieht. Wenn wir mal davon ausgehen, dass sie nicht absichtlich Nebelkerzen werfen, dann müssen wir aber feststellen, dass die Mehrheit, jedenfalls in der überregionalen Presse, gar keine Ahnung davon hat, wie es in der Welt aussieht. Heute erfreuen uns Roland Preuß in der Süddeutschen, Torsten Krauel in der Welt (was für ein selbstironischer Name!) und Ruben Karschnick in der Zeit mit ihren Kommentaren, die keinerlei Verständnis für die Bedeutung von wissenschaftlichen Arbeitsweisen – und für die Vorgehensweisen von Universitätsgremien – demonstrieren. Wenn wir weiterhin glauben wollen, dass diese Journalisten ihr Bestes geben, um sich optimal eine Meinung zu bilden und uns optimal zu informieren, dann reichen offenbar die Qualifikationen von Journalisten nicht aus, um über wissenschaftliche Themen zu schreiben. Und sei es nur über wissenschaftliches Arbeiten.

Vielleicht ist das fehlende Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten auch ein Effekt, der eintritt, weil man als Journalist ständig Textbrocken anderer jongliert, ohne ihre Herkunft nachzuweisen. “Mit Material von dpa” heißt das dann bestenfalls.

Dierk HaasisDierk
… und dann sind da noch die Apologeten, die Schuld vom Täter – jenen Menschen, die zur Erlangung von Karrierevorteilen, betrogen haben – auf die proximen Opfer schieben. Da sind die Guttenbergs und Schavans und Brinkmanns und Koch-Mehrins nur lässliche Sünder einer Universität, die ihren Aufgaben nicht nachkommt. So meint z.B. Thomas Steinfeld in der SZ heute.

Sicherlich kann man sich langsam darüber unterhalten, ob eidestattliche Versicherungen und Ehrenworte ausreichend sind, um die Eigenleistung und formale Qualität einer Arbeit abzunehmen. Vielleicht müssen wirklich alle Doktoranden unter Generalverdacht gestellt werden und deren Arbeiten grundsätzlich in voller Länge durch [automatisierte] Plagiatsfindungsprozesse gejagt werden. Aber wollen wir das wirklich?

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8 Kommentare zu Kannste Abschreiben

  1. @mschfr sagt:

    Ich behaupte jetzt mal, dass das Problem ist, dass sich jeder irgendwie mit Schavan identifizieren kann. Ich habe etwa damals in der Schule auch gerne Hausarbeiten aus dem Internet kopiert. Witze klauen und auf Facebook als die eigenen ausgeben ist Volkssport. Und so weiter. Wissenschaftliches Arbeiten muss man eben lernen. Und gerade weil sich jeder/viele mit dem Plagiator identifizieren können, wirken die Plagiatsjäger eben unsympathisch.

    • Erbloggtes Erbloggtes sagt:

      Ich halte es für eine Fehleinschätzung, dass “die Plagiatsjäger eben unsympathisch” wirken. Das ist nicht einfach so und unmittelbar so. Die Menschen sind da gespalten. Bei Guttenberg sah das nochmal ganz anders aus als heute. Dabei ist die Sachlage tatsächlich keine so andere. Schavan hat bloß die Wissenschaft und die Öffentlichkeit Jahrzehnte länger belogen und betrogen. Nachdem die Institution Universität in diesem Fall bewiesen hat, dass sie in der Lage ist, gegen Widerstände die sachlich richtige Entscheidung zu treffen, setze ich darauf, dass die Institution Gericht dazu ebenfalls in der Lage ist.
      Zum Kern des Rechtsstaats gehört es, dass jemand nicht mehr Recht bekommt, weil er oder sie besonders fromm ist oder besonders berühmt oder besonders gut vernetzt. Das wird sich hier zeigen müssen.

  2. fischblog fischblog sagt:

    Ich sehe bei dem 30-Jahre-her-Argument ein großes Problem, und zwar den Stellenwert des Doktors. Der Titel hat ja nun (leider) seine gesellschaftliche Rolle als Quasi-Grundbedingung für eine ganze Reihe hoher Positionen, und die ebbt auch nach Jahrzehnten nicht ab.

    Und da sehe ich schlicht nicht ein, dass man zwar einerseits zwar noch ein halbes Leben später ganz selbstverständlich die Früchte der Mühe erntet – aber wenn es dann ein Problem gibt, dann ist das plötzlich ach so lange her, und das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. So geht das nicht!

    • Erbloggtes Erbloggtes sagt:

      Das wird nochmal ganz spannend werden, wenn die Schavan wirklich in Ulm für den Bundestag kandidiert. 2009 wurde gewählt ‘Prof. Dr. Annette Schavan, Bundesbildungsministerin’: 42,8%. Für die anderen Parteien erscheint es (wenn sie sich zusammenreißen) gut machbar, einen Wahlkampf zu machen, in dem ‘Annette Schavan, Abiturientin, nicht berufstätig’ nicht die relative Mehrheit der Erststimmen erhält. Über Zweitstimmen zieht in Baden-Württemberg niemand von der CDU in den Bundestag ein.

      Soviel zum Thema Doktor als Grundbedingung für eine ganze Reihe hoher Positionen. Zur Verjährung möchte ich zwei Aspekte erwähnen:
      1. Wissenschaft verjährt nicht. Wissenschaftliche Publikationen, die durch wissenschaftliches Fehlverhalten zustande gekommen sind, müssen zurückgezogen werden und werden auch – leider in hoher Zahl – zurückgezogen.[1] Egal wie lange das her ist. Man denke nur an gefälschte medizinische Studien, die auch nach Jahrzehnten noch Schaden anrichten können.
      2. Straftaten verjähren nicht in dem Sinne, dass die Straftat nicht stattgefunden hat, sondern in dem Sinne, dass der Staat ihre Verfolgung nicht mehr betreibt. Annette Schavan hat höchstwahrscheinlich eine falsche Versicherung an Eides statt abgegeben, die in § 156 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bedroht ist. Das ist wahrscheinlich 1983 verjährt. Deshalb wird die deutsche Justiz in dieser Sache kein Verfahren gegen sie einleiten.
      Diese beiden Punkte werden häufig vermischt.

  3. hardy sagt:

    im grunde würde ich ja eigentlich nach der langen zeit zur milde neigen, kann mit treibjagden grundsätzlich nichts anfangen und tue mir schwer bei so einem schwurbelthema wie dem ihrer promotion überhaupt den pudding an die wand zu nageln …

    aber ich erinnere mich an eine sequenz, in der die merkelsche per sms den rückzugs des von und zu bekam, den kurzen aber erkennbar hämischen blickwechsel, das selbstgefällige auftreten vor und nachher, das lob für die uni bayreuth und all das.

    mein lieblingssprichwort in solchen fragen “wenn du einen feind hast, setz dich ans ufer eines flusses und warte, bis seine leiche vorüber treibt”.

    ich glaube, ich sehe da oben was um die biegung kommen. sieht so aus, als zappele da noch was, aber den rest schnappen sich weiter unten die krokodile.

  4. Ludmila sagt:

    Das Grundproblem ist doch aber ein ganz anderes: Dass ein Dr vor dem Namen in Deutschland immer noch die Eintrittskarte für Führungsebenen in Politik und Wirtschaft ist. Weil die Leute sich einbilden, ein Dr wäre was tolles. Die zwei Buchstaben sind aber nicht das Tolle, sondern die Arbeit dahinter, für die es die zwei Buchstaben gab.

    Mag der Dr ursprünglich mal ein Indiz gewesen sein, um besonders gut ausgebildete Leute zu erkennen, sind die zwei Buchstaben zu einem magischen körperlosen Wesen mutiert, das unabhängig von jeglicher Leistung existiert, weil wir als Gesellschaft uns vor diesem diesem magischen Wesen verneigen. Und jetzt sind wir erschrocken, weil auch dieser Kaiser manchmal nackt ist. Ja ne, wenn wundert es, dass die Leute mit Karriereabsichten außerhalb der Forschung dann eben nur die Minmal-Anforderungen und manchmal nicht mal die für die Erlangung des Doktortitels erbringen? Wenn nachher niemand nach der Arbeit dahinter fragt? Nur um eben die beiden magischen Buchstaben auf die Visiten-Karte drucken zu können. Das passiert, wenn ein System zweckentfremdet wird. Insofern begrüße ich den Vorschlag den Dr aus Anreden und vor allem aus allen Ausweisen zu streichen.

    Der größte Witz ist ja, dass echte arbeitende Akademiker – zumindest in den Naturwissenschaften-, die den Doktor wirklich brauchen, nach der Doktorprüfung kaum je mit Dr. angesprochen werden. Weil da immer die gerade erbrachte Leistung zählt und nicht das, was mensch so für den Doktor gemacht hat.

    • Joachim sagt:

      Ja, diese “Nebenfunktion” des akademischen Grades scheint mir auch eine Erklärung zu sein, warum Leute die Aberkennung des Titels als Strafe sehen und meinen, nach 30 Jahren müsse es da eine Verjährung geben. Aber Tatsache ist doch, dass so ein erschwindelter Titel nie zu Recht geführt wurde. Deshalb ist Aberkennung nur eine logische Folge des aufgedeckten Betrugs. Eine Strafe wird daraus nur, weil auch die mit dem Titel verbundenen Privilegien wegfallen.

  5. fischblog fischblog sagt:

    Ich glaube, das Problem mit der Berichterstattung ist vor allem, dass die Journalisten primär von ihrem Bauchgefühl über eine politische Fragestellung aus argumentieren. Die Aussage ist ja jedes mal, dass Schavan nicht wegen einer dreißig Jahre alten Geschichte zurücktreten müsse. Das ist das “politische Bauchgefühl”, nur dass diese Position bei näherer Betrachtung äußerst problematisch ist, weil auch ein dreißig Jahre alter Doktor heute keineswegs irrelevant ist, schon gar nicht bei einer Forschungsministerin. Deswegen können die Autoren halt nicht an der Sache argumentieren, sondern nur ablenken, vernebeln, kleinreden.

    Es drängt sich natürlich auch der Gedanke auf, gerade Journalisten könnte die Vorstellung nicht behagen, dass man auch heute noch für Sachen gradestehen muss, die man vor Ewigkeiten geschrieben hat.

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