Dissen

jhermesjhermes
Ich brauch mal ‘nen Scotch, bitte, und hier, lies mal:

Der ansonsten von mir sehr geschätzte Jörg Blumtritt bläst damit in ein ähnliches Rohr wie Jürgen Kaube von der FAZ, dessen Text “Mittlere Begabungen” sich online nur als Fortsatz (ganz unten) dieses Artikels hier findet: Dissertationen seien oft (oder sogar sehr oft, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften) bloße Fleißarbeiten, die lediglich bereits Vorhandenes und schon hundertfach aufgeblasenes Wissen neu publizieren. Der Nutzen für die Wissenschaft tendiere gegen Null, dem Promovierenden ginge es lediglich um den Titel, der aus historischen Gründen noch immer hohes Ansehen garantiere (was sich aber durch die gegenwärtige Krise, ausgelöst durch eine ganze Reihe von als Plagiate entlarvte Doktorarbeiten zu ändern scheint – ob das gut ist, darüber gehen dann die Meinungen von Jörg und Kaube sicherlich auseinander).

“Typischerweise wird erst gar nicht versucht, ein Problem zu lösen, sondern es gilt, Textmassen zu einem Thema herbeizuschaffen”, schreibt Kaube. Ich bin ja nun einer dieser angegriffenen Geisteswissenschaftler|innen, die promoviert haben; möglicherweise verfüge ich auch gerade mal über die von Kaube angesprochene mittlere Begabung. Aber gearbeitet habe ich so nicht. Meiner Ansicht nach habe ich eine Menge Probleme versucht zu lösen. Eines davon war sicherlich, überhaupt eine kohärente und den Anforderungen angemessene Dissertation zu vollenden. Ich habe versucht, den Begriff Open Science zu verstehen und in eine Richtung umzudeuten, in die das Software-System passt, das wir entwickelt haben, um den Austausch zwischen Wissenschaftlern zu verbessern. Ich habe versucht, dieses Softwaresystem auf eine verständliche Weise zu beschreiben, habe nach einem Anwendungsfall gesucht, an dem ich die Vorteile der Software darstellen kann. Ich habe – ohne das vorher eingeplant zu haben – sogar noch Substanzielles hinsichtlich dieses Anwendungsfalls herausgefunden und das dokumentiert. Ob mir das alles gelungen ist, müssen andere beurteilen. Die Gutachter zumindest gaben grünes Licht, die wissenschaftliche Öffentlichkeit kann sich selbst am Open-Access-Dokument ein Bild machen (und ja – ich habe tatsächlich von Leuten gehört, sie hätten meine Diss gelesen).

Und natürlich habe ich das Wissen von anderen Autoren entliehen und das nach bestem Wissen kenntlich gemacht. Weil es in meine Argumentation passte, weil es den Text lesbarer macht und nicht weil ich zeigen wollte, wie viel ich gelesen hatte. Was hilft es der|dem Leser|in denn, wenn man in einer Arbeit darauf hingewiesen wird, wo man tolle Biographien über Trithemius lesen sollte, um die folgenden Argumente besser zu verstehen, wenn man diese Biographien auch mit eigenen Worten und im eigenen Stil zusammengefasst präsentieren kann? Dissertationen, so heißt es, sind dazu da, auszuweisen, dass man wissenschaftlich arbeiten kann. Mag sein, dass dies auch auf anderen Wegen gelingen kann. Aber nirgendwo bekommt man so viel Zeit, in der man sich in eine Fragestellung einarbeiten kann, nirgendwo so viel Platz, um die eigenen Erkenntnisse in ihrem wissenschaftlichen Kontext darzustellen, nirgendwo so viel Freiheit, die dafür nötigen Mittel selbst auszuwählen, wie es eben bei Dissertationen der Fall ist. 

ErbloggtesErbloggtes
Ach, Jürgen! Gib mal her die alte FAZ. Und ich brauch noch nen Doppelten!
Ich sage ja immer, dass eine mittlere Begabung völlig ausreicht, um ein guter Wissenschaftler zu sein. Nur das nötige Selbstvertrauen, das ist schon Voraussetzung.
Ich meine auch, dass wesentliche Fortschritte in den Wissenschaften durch Dissertationen erzielt werden. Nicht nur, aber auch. Andererseits gibt es gewiss auch so Arbeiten, wie Kaube es schildert. Die bringen keinen Fortschritt. Was bei Guttenberg und Schavan steht, das wäre selbst dann kein Fortschritt gewesen, wenn es nicht betrügerisch erstellt worden wäre. Ich finde es sehr wichtig, diesen Anspruch zu erheben, dass Doktorandinnen und Doktoranden Positionen stark machen sollen, die noch keiner so oder mit diesen Argumenten vertreten hat. Den Doktor bekommt man dann nicht dafür, dass die Argumentation absolut bestechend ist und in allen Rezensionen anerkannt wird. Sondern dafür, dass man dabei wissenschaftlich vorgegangen ist, egal wie valide nun die Ergebnisse waren.

Ich sehe aber einen Zusammenhang zwischen Afterwissenschaft und Plagiaten: Wenn Promovierende nur Textmassen kompilieren, dann kann es leicht zu Plagiaten kommen. Andernfalls sind Plagiate zwar nicht ausgeschlossen. Aber wenn man wirklich eine eigene These verfolgt, für sie argumentiert und sie abwägt, dann tut man das besser (leichter, natürlicher) indem man selbst argumentiert und davon klar abgrenzt, welche davon abweichende Position andere vertreten haben. Kompilatorische Arbeiten deuten aber darauf hin, dass man sich nicht traut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist eine Frage der Einstellung gegenüber den eigenen geistigen Fähigkeiten. Wenn man sich vor allem damit überfordert fühlt, selbst eine konsistente Position zu entwickeln und zu vertreten, wenn man gleichzeitig ehrfürchtig an den Lippen der Professorinnen und Professoren hängt, sie als Götter am Katheder anbetet, dann hat man doch gar keine andere Wahl als die Arbeiten von Profs wiederzugeben und sie sich anzuverwandeln, es so zu drehen, als ob man selbst genauso dächte wie diese Götzen.

Diese Plagiatsursachen sehe ich in hierarchischen Strukturen an deutschen Universitäten fest begründet. In verschiedenen Fächern mag die Hierarchie-Kultur sehr unterschiedlich sein. In Geschichte ist es kein Zuckerschlecken, sage ich Euch.
Jetzt brauch ich noch einen. Die Kehle wird mir immer so trocken, wenn ich daran denke, wie Studierende zwischen den widersprüchlichen Forderungen zerrieben werden, dass sie einerseits selbständig und kritisch denken lernen sollen, und dass sie andererseits genau das von Großordinarien lernen sollen, deren Weisheit sie zunächst einmal vollständig und widerspruchslos aufzusaugen haben. Prost!

This entry was posted in An der Bar and tagged , . Bookmark the permalink.

4 Kommentare zu Dissen

  1. Simone G. sagt:

    Ich werd hier wohl nicht bedient, wie? Dabei habbich dem Typen schon vor minnstens, also, minnstens! vor zeeeehn Minuten hab ich dem Typen schon gesagt, nochmalvondem.
    Also. Von wegen Plakat nochmal. Also mal im Ernst.
    Jetzt nimm die Finger aus mei’m Fummel, Kerle! Was, “Rosenmontag”, das is doch nich mehr feierlich hier!!
    Also wegen den Plackjagden, ja? Wie heißt Du nochmal? Erbhocker? Ganz schön laut hier. Erbvolker? Na egal. Also, Volker, also wie ich das sehe: Das klingt ja ganz gut, hierarschiche Strukturen in Universitäten. Und kannste mir glauben. Nich nur in der Uni gibt’s die. Es gibt auch hier so arschiche Strukturen. Mehr als genug. Musste doch nur mal sehen wie das hier läuft mit der Bedienung.
    Vor zehn Minuten! Minimum!
    Aber jetzt mal wie ich das sehe. Also ich seh das so dass die Schawan ihre Proffs damals nich als Götter mit Katheter angehimmelt hat. Sondern die hat die verarscht. Aber voll verarscht. Weißte was ich meine, ne? Hat sich überall lieb Kind gemacht – he, pass doch mal auf hier! Es gibt hier auch noch Leute, die wollen sich über was unterhalten, ja?! – also über lieb Kind gemacht und denen dabei ‘ne Nase gedreht, weißte? Streberin mit eingebautem Beschiss.
    Was?
    Nee, denk ich mir nur so. Kennste doch, den Typ. Immer nur schnell nach oben. Und die Proffs, weißte? Waren eben schon ältere Herrschaften. Schon am Katheter. Und weißte, ganz ehrlich, das! is wirklich ‘n struckerelles Problem. Weil, diese alten Proffs musste ja wegtragen! aus ihrem Job, freiwillig gehen die nich, die alten Schnarchsäcke.
    He!
    Volker!!
    Jetzt pennt der hier am Tresen! Und ich steh immer noch ohne da.

    • Erbloggtes Erbloggtes sagt:

      Was? Ich bin noch wach! Ja, auch am Rosenmontag, noch voll fahrtüchtig, wie der Busemann sagen würde.
      Ja, gib mal nochmal zwei rüber hier für die Simone und mich. Ja, egal, wenn’s keine Appletinis mehr gibt, nehmen wir auch Kölsch, dann aber bitte in Maßkrügen. Abgestandener wird’s darin ja auch nicht.
      Also immer wenn ich erzähle, dass die nette Schavan ne üble Betrügerin is, dann sacht mir Tante Gerda, sacht: “Aber nein! Das Fräulein Schavan, das ist eine ganz patente Frau. Die ist auch sehr gewissenhaft, darüber hat sie sogar ihre Doktorarbeit geschrieben.”
      Und wenn ich dann sage: “Aber Tante Gerda! In der Doktorarbeit hat sie betrogen. Die ist da skrupellos!”, dann sacht die: “Nein, und wenn schon, die ist doch jetzt lange genug Frau Doktor. Und das ohne verheiratet zu sein. Da kenne ich sonst keine! Niemand ist ohne Fehler, und wenn sie das gebeichtet hat, dann hat der liebe Gott ihr das schon vergeben. Das sollten wir auch tun.”
      Und dann trinken wir ein Eierlikörchen. Und dann wird mir schlecht, das liegt wahrscheinlich an dem Likör.
      Gut, dass es hier keinen Eierlikör gibt. Und von Kölsch kann man auch betrunken werden, man muss es nur in der richtigen Menge bestellen. Wenn ich mir das so recht bedenke, dann siehst Du in dem Echsenkostüm richtig scharf aus. Hast Du da noch was drunter?
      Noch ‘ne Maß Kölsch, oder somma gehn?

      • Simone G. sagt:

        Mensch nimmiefinger aus meim Fummel!
        Ich saddas nich nomma.
        Nee, vergiss es, Mann. Habbich kein Bock drauf, das Gesülze. Meinsse ich habbas nich gesehn?
        Wie?
        Ach komm! Die Schlampe da mi’m … mit dem dämlichen Dogga … Doggahut! Die ganze Zeit! Meinsse vielleich ich merk das nich? Hälze mich für so bescheuert?
        Neee. Vergiss es. Ich zahl selber.

  2. Dierk Haasis Dierk Haasis sagt:

    Worin der Wert phantasielos überspitzter Bemerkungen liegt … Doch, doch, das hat sich mir sehr wohl erschlossen. Mach die Welt schön einfach, am besten binär, such dir irgendein Thema, das gerade brodelt – und schieß dann eine brutal zugespitzte Aussage, die am besten den Ausnahmefall zur Regel erklärt, ab. Stimmt der Zeitpunkt, haste schön Aufmerksamkeit.
    Selbstverständlich hat Jörg im oben zitierten Tweet das nicht getan. Er hat ja nicht einmal eine allgemeine Aussage getroffen, weder über das System des Wissenschaftsbetriebs, noch über Dissertationen oder auch nur wissenschaftliche Arbeiten in nicht-formalisierten Fächern. Und er hat ja Recht, Arbeiten, die ausschließlich anderer Texte zusammenklöppeln, haben nur sehr bedingt [als Dokumentation] Wert. Allerdings sind solche Arbeiten formal gar nicht als Dissertationen einreichungsfähig. Außer da hat sich seit meinem Studium was geändert.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

30