Menschenverachtend sind immer die anderen

jhermesjhermes
Vielleicht könnt ihr mir helfen, mir sind irgendwie meine Sensoren für Haltung kaputt gegangen. Zugegebenermaßen habe ich darunter immer schon einen Schuss Sarkasmus inmitten vernünftiger, ausgewogener, bisweilen aber auch spitzer und am liebsten humorvoller Argumentation verstanden. Ich habe gedacht, dass die Welt auch langsam zu einem besseren Ort machen kann, ohne dass man sich in die Abgründe der Gehässigkeit, Beleidigung und Anfeindungen begeben muss. Vielleicht lag ich da falsch, vielleicht kann ich mir so eine Haltung nur leisten, weil es andere gibt, die für mich die Drecksarbeit machen.

Das Gefühl der defekten Haltungs-Sensoren gärt schon länger in mir, selbst meine mit Bedacht zusammengestellte Twitter-Filterblase konnte das nicht verhindern. Konkreter Anlass für meinen Hilferuf ist aber der gestrige Post im Blog von Stefan Niggemeier, bisher stets einer meiner stärksten Anker für meine Idee von Haltung. Es ist eine Verarsche vom Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner, die ich lediglich als Holzhammer-lustig empfinde, vor allem aber – wegen der Darstellung von Wagner als weitersaufendes Alkoholwrack, das im Badezimmer von seiner Putzhilfe abgekärchert werden muss – als eindeutig menschenverachtend.

Der Text ist nicht von Niggemeier selbst, er wurde von einem der Dschungelcamp-Autoren auf Facebook gepostet, was Niggemeier offensichtlich so gut fand, dass er ihn nochmal in seinem Blog brachte. Klar teilt Wagner auch aus, aber nimmt den tatsächlich irgendwer ernst? Muss man sich auf das gleiche Niveau begeben, um sich mit ihm auseinanderzusetzen? Irgendwann habe ich mal eine Reportage gesehen, wo Wagner über ein paar Tage mit der Kamera begleitet wurde. Was ich sah, war ein bemitleidenswerter alter Mann, der aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen eine Kolumne im auflagenstärksten täglichen Druckerzeugnis ganz Deutschlands hat. Ich tat meinen Unmut über Twitter kund und bekam auch eine Antwort von @niggi:

 

Es geht mir hier nicht nur um die Niggemeier/Dschungelcampautor/Wagner-Sache. Es geht mir um die Art des Umgangs miteinander. Um das, was ich irgendwie unter den Begriff Haltung fasse. Ist Menschenverachtung o.k., weil es, wie das Dschungelcamp, irgendwie meta ist? Muss ich mir das anschauen, um es zu verstehen? Die famosen Kritiken in fast sämtlichen Online-Ablegern der deutschen Qualitätspresse konnten mich noch nicht so richtig überzeugen.

Was mir aber noch nähergeht, weil es in meiner Filterblase stattfindet: Ist es o.k., sich immer neue diffamierende Begriffe für Leute mit komischen Meinungen, wie z.B. Feminismuskritiker (so Unrecht sie in meinen Augen auch haben) ausdenken – von denen Weicheier und Heulsusen noch die netteren sind? Was bringt das? Fühlt man sich dadurch irgendwie besser? Ich jedenfalls nicht. Aber mein Kompass ist ja vielleicht kaputt. Könnt ihr mir helfen?

fischblogLars
Den Text bei Niggemeier finde ich als Beispiel schlecht, weil das nach meinem Verständnis recht gelungene Satire ist. Die Darstellung ist ja nun so extrem überzogen und abgedreht, dass man es keinesfalls als ernsthafte Beschreibung des Menschen Wagner deuten kann, und das ist ja auch nicht der Sinn. Der Text zielt ja explizit auf Wagners Kolumne, und er funktioniert gerade deswegen, weil man bei Wagners Texten ja oft spontan denkt, dass er betrunken gewesen sein muss. Dass man sich über seine Schreibe lustig macht, muss Wagner als Autor aushalten.

Die generelle Diagnose kann ich aber nur unterschreiben: Menschenverachtung ist wieder en vogue, und zwar nicht mal “meta” oder so, sondern ganz direkt als Bewältigungsstrategie der existenziellen Verunsicherung großer Teile der Bevölkerung.

Dierk HaasisDierk
Satire tut weh. Wenn sie es nicht tut, ist sie Comedy. Ist FJW Alkoholiker? Keine Ahnung, aber wie Lars schon schreibt, seine Texte lesen sich ziemlich genauso, wie es in der Antwort in Niggemeiers Blog geschrieben steht, als ob sie unter massivem Alkoholeinfluss entstanden sind. Und ich habe nicht den Eindruck, FJW oder der BILD sei das peinlich, im Gegenteil, die scheinen darauf stolz zu sein. Sollte er tatsächlich krank sein, gehört er in Therapie.

Was die kurzflächigen abwertenden Bemerkungen angeht, die du erwähnst … die richten sich aus meiner Erfahrung [ganz praktisch, da ich sie hin und wieder benutze] vorwiegend gegen jene, die es nicht ertragen können, dass Diskriminierte, Unterdrückte Rechte einfordern, die ihnen ganz selbstverständlich zustehen. Ja, diese “Kritiker”, wie du sie zurückhaltend nennst, bestehen darauf, dass ein Zugeständnis dieser Rechte an irgend jemanden als sie selbst, ihre Rechte beschneide. Oft eben in einem weinerlichen Ton.

Gerade eben läuft ein Mem durch Twitter, mit dem Frauen zeigen, was ihnen täglich an Diskriminierung und Übergriffen begegnet – und prompt kommen Männer an und sagen, wie schlimm es doch in ihrer Welt ist, weil sie gar nicht mehr wissen, wie man denn eine Frau behandeln soll. Andere machen die Opfer wieder einmal zu den Tätern: ‘Ja, wehr dich halt!’ Die letzten zwei Wochen durften wir miterleben, dass es schlimmer ist, ein schwer beleidigendes Wort aus einem Kinderbuch zu streichen, als dieses Wort als Betroffener ertragen zu müssen.

Aufklärung und Diskussion ist richtig und gut und schön, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man feststellt, dass es einige nicht interessiert. Sie beharren auf einem menschenverachtenden Standpunkt, gehen jedem Fakt, jeder Erläuterung aus dem Weg. Sie maßen sich das Recht an, andere zu beleidigen, abzuwerten, zu verachten. FJW ist da nur eines der lauteren Megaphone.

Satire ist die Waffe der kleinen Leute, sich zu wehren. Sie tut weh, sie ist meist nicht geschmackvoll. Manchmal haut sie auch daneben. Aber nicht, wenn die ‘echten, harte Kerle’, die sich selbst nur zu gerne über “Schwächlinge” lustig machen, deutlich auf ihre Inkonsistenz hingewiesen werden.

jhermesjhermes
Bezüglich des Niggemeier-Artikels habt ihr wahrscheinlich Recht, die Satire muss sich einer wie Wagner wohl bieten lassen und mein Mitleid sollte sich da in Grenzen halten. Ich hatte nur beim Lesen erst gar nicht mitbekommen, dass Niggemeier nicht der Autor ist und war auf gewisse Weise enttäuscht, gerade dort so einen Brachialhumur zu lesen.

Gleichviel, ich nehme mal Lars Hypothese von der tiefen Verunsicherung genauso mit wie Dierks Einwand, dass man irgendwann genug davon hat, ständig mit seinen Argumenten gegen die Wand zu laufen und dann zu härteren Gangarten neigt. Satire ist ein Mittel, das ich selbst gerne einsetze. Eben lieber durch gezielte Treffer und mit offenem Visier. Schlammschlachten sind nicht so mein Ding. Vielleicht erreicht man nichts ohne. Das fände ich allerdings traurig.  

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3 Kommentare zu Menschenverachtend sind immer die anderen

  1. jhermes jhermes sagt:

    @Mschfr “[Wagner] weiß ganz genau, was er schreibt. Sonst würde er auch nicht jeden Morgen auf Seite 1 der BILD erscheinen.” Abgesehen davon, dass ich leugnen würde, regelmäßig auf Seite 1 der Bild-Zeitung zu erscheinen könnte Rückschlüsse auf die geistigen Fähigkeiten zulassen, muss sich FJW in der Reportage über ihn schon arg verstellt haben, wenn er in Wirklichkeit noch Tassen im Schrank haben sollte.
    Deine “früher war alles schlechter”-Einstellung finde ich sympathisch und teile sie auch über weite Strecken. Vielleicht sorgen Shitstorms und übrige Beschimpfungen auf Twitter zusammen mit der Errungenschaft Ekelfernsehen für eine gesellschaftsweite Katharsis, so dass das RL so viel menschenfreundlicher wurde. Wer weiß.

    @sophia Vielen Dank für das Kneipenlog-weite und das persönliche Lob. Und hättest Du dir den Kommentar gespart, wäre das nicht angekommen. Außerdem hatte ich deine Ausführungen von Schadenfroh-TV so noch nicht eingebracht. Es ist auch so ein Phänomen, das mich relativ ratlos zurücklässt.

  2. Sophia sagt:

    Wie oft ich schon mal hier in der Kneipe war, auch im Wunsch, euren Beiträgen einen Kommentar beizusteuern und dann feststellen muss: Im Grunde habt ihr selbst alles Wesentliche gesagt. Und zwar von verschiedenen Seiten, Sichtweisen, ‘Angriffspunkten’.
    Ihr nehmt einem im Grunde schon alles ab! So wie ihr euch hier formiert. :)

    Meine erste spontane Reaktion auf jhermes war tiefe Rührung. Einfach, weil ich diese Haltung mag und wertschätze…und sie ein Grund ist, mich (z.B.) von bestimmten Medien, Sendungen, ‘Formaten’ fernzuhalten, mir bestimmte Leute aus der TL (und auch im Leben) weit weg zu halten und mich und meine Zeit denen zu widem, an deren Gedanken ich mich bereichere und wachsen kann…(nicht nur, aber) auch in puncto Menschlichkeit.

    Vor Kurzem las ich etwas bei Anatol Stefanowitsch zum Wort “Opfer” und dass dieses Wort, das von heutigen Jugendlichen als Schimpfwort benutzt wird, seine ursprüngliche Bedeutung vielleicht deshalb verlagern konnte, weil ‘wir’ tatsächlich heute einen anderen Umgang pflegen mit jenen, die am Rand stehen, die ‘unten’ sind, mit denen, die sich nicht durchsetzen auf irgendeiner Leiter nach oben, ja, vielleicht nicht mal die Kraft haben, alleine, ohne Hilfe zu existieren.

    Mir fiel mein Entsetzen ein, wenn meine Kinder sich damals kringelten vor Lachen, als diese unzähligen “Versteckte Kamera”-Videos auf Youtube Saison hatten. Sie hießen anders, aber mir fällt ums Verrecken nicht mehr ein wie.
    Ihr wisst schon, all diese kleinen fails, Unfälle.
    Während ich immer den Kopf wegdrehen musste, wenn irgendein zufällig gefilmter Protagonist hinknallte (oder was auch immer), konnten meine Jungs das als Slapstick sehen. Ich dachte nur: Um Himmelswille, das muss doch höllisch weh getan haben.
    Nee, ich konnt’s nicht gucken und ich weigere mich auch heute, all diese Sendungen zu schauen, die auf diesem Prinzip basieren: lachen über anderer Elend.

    Der Verriss an diesem Wagner mag wirklich Richtung Satire gehen. Vermutlich kann man sein Mitleid zügeln, wenn es um einen Bild-Redakteur geht, der vielleicht sogar ganz gezielt und kalkuliert: den Alkoholiker gibt. K.A., ich befasse mich mit so Leuten wenig, konnte aber den ersten Impuls von jhermes bestens nachvollziehen und eben…wertschätzen.

    Und genauso bin ich von den Antworten von euch anderen Jungs angetan.
    Und hätte mir den Kommentar insgesamt auch sparen können. Tscha.

  3. @mschfr sagt:

    Was soll ich zu dem Artikel sagen? Der ist im Prinzip eine Übernahme eines realen Tages im Leben des großartigen Hunter S. Thompson. Und auch wenn ich den Franz Josef Wagner nicht unterschätzen würde, er ist kein Thompson. Aber er ist auch nicht der abgedrehte Alki als der er dargestellt wird, sondern er weiß ganz genau, was er schreibt. Sonst würde er auch nicht jeden Morgen auf Seite 1 der BILD erscheinen.

    Zur Menschenfeindlichkeit kann ich nur sagen: Nein. Wir erleben gerade hier in Westeuropa und gerade in dem von der Eurokrise noch nicht ganz erreichten Deutschland eine Phase der absoluten Menschenfreundlichkeit. So friedfertig war es noch nie. So wenig sexistisch war es noch nie. So freiheitlich war es noch nie. So tolerant war es noch nie. Darf ich daran erinnern, dass der Kuppeleiparagraph erst 1973 abgeschafft wurde? Dass die 68er gerne mit “Ihr gehört doch ins KZ/Gas” beschimpft wurden? Dass die Begründung für die Gründung der GSG9 damals “Auch Terroristen sind Menschen, sie tot zu schießen will geübt und gelernt sein” lautete? Muss ich diese Asylbewerberhatz 91/92/93 rauskramen? Wir regen uns über diese im Vergleich zu den noch damals im Weltkrieg, Korea, Vietnam & Co praktizierten Teppichbombardements unglaublich präzisen Drohnenangriffe auf. Muss ich jedem Spiegel-Artikel über “Pyro-Chaoten” die Stadionrealität der 80er entgegenstellen? Darf ich an den Schulhof damals erinnern? Mach das heute auf Facebook und du kriegst richtig Stress. Nein, hier ist Da muss man sich jetzt wirklich nicht aufregen, wenn jemand diesen Kautz von der BILD verspottet. Genießt es einfach, die aktuelle Entwicklung in Griechenland zeigt, dass die Decke der Zivilisation viel zu dünn ist.

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