Hausaufgaben – Homeschooling der kleinen Bildungspolitik

Dierk HaasisDierk
Bildungspolitik … Lass das besser, davon versteht jeder was. Sind ja alle mal zur Schule gegangen. Klar, wir sind auch alle Experten für Operationen am offenen Herzen. Haben schließlich alle eins, oder?

Schule ist auch ein weites Feld, da gibt es zu viele Interessen von zu vielen Gruppen. Unternehmen suchen zukünftige Arbeitnehmer, Politik sucht die Zukunftsfähigkeit des Landes, Eltern eine bessere Zukunft für ihr Kind … Inklusion, gesellschaftliche Teilhabe, gute Kulturfertigkeiten, Sozialarbeit und, und, und. Von Lehrern und von Schule wird sehr viel verlangt. Konzentrieren wir uns auf ein Thema, das mich seit über 30 Jahren umtreibt: Hausaufgaben.

Was soll der Quatsch? Ist die Schule nicht in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen? Warum geben Lehrer ihre ureigene Aufgabe – auch komplexe Themen pädagogisch den Schülern angepasst weiterzugeben – an Menschen ab, die keine Ahnung haben? Und eigentlich auch keine Zeit.

Wir haben vollkommen zu Recht eine Schulpflicht und gehen inzwischen in manchen Bundesländern endlich rigoros gegen jene vor, die diese verletzen. Aber wenn es darum geht, eine Beschäftigungstherapie für Eltern und Schüler zu finden, damit sie sich jeden Feierabend schön zu streiten, ist Homeschooling plötzlich in. War ja auch immer schon so. Hat mir ja auch nicht geschadet.

Wenn der Stoff, den Kinder lernen müssen, so umfangreich ist, dass er nicht in die Schulzeit passt, wenn es nicht genug Lehrer und Räume gibt, um eine entsprechende Verlängerung der Schulzeit hinzubekommen, dann schieben wir das Problem halt in die Privathaushalte, zu den Eltern. Die werden wohl genug Geld haben, um ihren Kindern nur das Beste zu bieten. Die Eltern sind klug, bestens ausgebildet, didaktisch tiptop – und das in allen Fächern.

ErbloggtesErbloggtes
Wie jetzt, Kinder sollen in der Schulzeit was lernen? Ich dachte, die lernen was bis sie erwachsen sind (manche auch länger), völlig egal, womit sie ihre Zeit zubringen. Zum Beispiel können sie lernen, wie man sich auf der Straße durchschlägt, oder wie man durch die Schule kommt, ohne sich mühsam mit Bildungsinhalten auseinandersetzen zu müssen. Was lernen sie denn dann bei den Hausaufgaben? Zum Beispiel Befehl ist Befehl, auch wenn man die Kaserne verlassen hat. Oder dass die eigenen Eltern gehorsam im Auftrag dieser übergeordneten Instanz agieren (oder eben nicht), wenn sie dazu aufgefordert werden.

Das ist vielleicht der wichtigste Lernerfolg der Hausaufgaben: Am Verhalten der Eltern zu beobachten, welchen Stellenwert die Inkorporierung von Bildungsinhalten für das Sozialmilieu, dem man angehört, hat. Und natürlich, welche Bildungsinhalte als wertvoll angesehen werden: “Toll, Torben-Hendrik, dass du deinen Namen tanzen kannst. Aber kannst du auch die deutschen Reichskanzler aufsagen?” Hausaufgaben ermöglichen also die Konformität der Schüler mit ihrem familiären Milieu.

Daran haben Eltern natürlich ein Interesse, sofern sie ihr familiäres Milieu als erstrebenswert ansehen. (In Zeiten, in denen aufstiegsorientierte Kleinbürgermilieus desillusioniert zerfallen, schwindet dieses Interesse vielleicht.) Ebenfalls großes Interesse an Hausaufgaben hat der “schlanke Staat”, der sich selbst wegrationalisiert. Nur die Kinder aus “bildungsfernen Schichten” (das sind die, in denen für Hausaufgaben keine Zeit, keine Ambition, manchmal vielleicht auch keine Kompetenz da ist), die haben im Hinblick auf ihre Lebenschancen kein Interesse an Hausaufgaben, sondern an Unterricht. Aber die können ja nicht mal richtig lesen und schreiben, wieso sollten deren Interessen dann zählen?

Ute GerhardtUte
Es geht nach Aussage der Lehrer darum, dass die Kinder lernen, Inhalte selbst nochmal nachzuvollziehen, Gelerntes weiter einzuüben und sich auch das eine oder andere selbst zu erarbeiten. Idealerweise hilft niemand bei den Hausaufgaben. Aber wo ist schon das Ideal der Fall? Denn kommt das Kind anderentags in die Schule und hat in den Hausaufgaben zu viele Fehler, so ist gar keine Zeit da, um eventuelle Defizite vor Ort mit den Lehrern aufzuarbeiten. Also müssen schon während der Hausaufgaben selbst die Eltern oder älteren Geschwister ran.

Das trifft übrigens auch auf die Inhalte zu, die eigentlich schon in der Schule hätten gelernt werden sollen. Ich hatte auf Twitter ja bereits geschildert, dass meinem Sohn ab und zu die Grundlagenkenntnisse für die jeweiligen Hausaufgaben des Tages fehlen. Nicht, weil er nicht aufgepasst hätte, sondern weil sie im Unterricht schlicht nicht erklärt wurden. (Wurde mir auch von anderen Eltern bestätigt.) Die Lehrerin musste sich den Großteil der Stunde um Kind X kümmern und kam schlicht nicht dazu, dem Rest der Klasse den erforderlichen Inhalt zu vermitteln. Aber der Lehrplan muss ja eingehalten werden. Also gibt man den Kram als Hausaufgabe auf und hofft, dass die Eltern oder sonstwer es schon richten werden. Ob die jedoch selbst immer die Kenntnisse, Fähigkeiten und Mittel haben, um diesen teils ziemlich hochtrabenden Kram zu Hause mal eben umzusetzen – danach wird nicht gefragt. Siehe auch den Blogeintrag von Dr. Mutti zu dem Thema: “Meine Mutti kann

Das eigentlich Ärgerliche ist jedoch, dass Home Schooling offiziell verboten ist, inoffiziell aber ohne eben dieses schon längst kein Kind mehr erfolgreich die Schule besuchen und abschließen könnte. Home Schooling ist integraler und vor allem unverzichtbarer Bestandteil unserer Schullandschaft. Aber keiner will das wahr haben.

Oder um Dierks Frage zu beantworten: Nein, die Schule ist in der Tat nicht in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen. Traurig, aber leider Tatsache.

ErbloggtesErbloggtes
Au contraire, meine Liebe, au contraire. Sofern der Auftrag der Schule die Reproduktion einer gegliederten Ständegesellschaft Leistungsgesellschaft ist, in der einem jeden nach seiner “Lernleistung” ein der “Arbeitsleistung” korrespondierender Platz zugewiesen wird, funktioniert das mit der Selektion – auch auf dem Wege der Hausaufgaben als Bedingung für gute Noten – doch ausgezeichnet. Idealistische Lehrer sind’s, die Schüler nicht nur bewerten und selektieren wollen, sondern ihnen zuförderst noch etwas beizubringen gedenken. (Zum Beispiel, dass man zuförderst mit v schreibt – aber ob man das heute noch in der Schule lernt?)

80 Prozent der Eltern mit mittlerem oder hohem Bildungsabschluss helfen ihren Kindern bei den Schulaufgaben, aber nur 57 Prozent der Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss. In der Konkurrenz um bessere Arbeitsmarktzugangsqualifikationen bringt das klare Vorteile. Von studierenden Arbeiterkindern kann man inzwischen anekdotenhaft erzählen, viel mehr aber auch nicht. Dagegen stehen jedes Jahr rund 53.000 Schulabgänger ohne jeden Schulabschluss, das sind 8 Prozent, in Berlin 10, mancherorts sogar 25 Prozent. Im Bildungsauftrag hat die Schule bei diesen Opfern auf ganzer Linie versagt (nichtmal Lesen, Schreiben, Rechnen hinreichend vermittelt), im Selektionsauftrag aber ganze Arbeit geleistet. Irgendjemand muss sich ja selbst für so blöd halten, dass sie (denn meist sind das Frauen) 3,20 Euro pro Stunde für “verdienten” Lohn hält.

Für die Eltern, die ihren Kindern das ersparen wollen, gibt es neben der konsequenten Erledigung ihrer Hausaufgaben inzwischen auch noch die Möglichkeit, sich – das nötige Kleingeld vorausgesetzt – an das boomende Privatschulwesen zu wenden, wo die Schule den Ehrgeiz hat, den zahlenden Kunden ordentliche Produkte – sprich Schulabschlüsse – zu liefern.

Joachim
Ach, nun zieht doch nicht an jedem Detail eine Verschwörungstheorie auf. Die Lehrkräfte haben doch recht, wenn sie erklären, dass es für den Lernerfolg wichtig ist, die Inhalte selbst nochmal eigenständig nachzuvollziehen. Denn lernen kann jeder Mensch nur für sich selbst.

Das Bruchrechnen und die quadratische Ergänzung können nur fest in das mathematische Handwerkszeug einer Schülerin, eines Schülers eindringen, wenn sie wieder und wieder eingeübt werden. Vokabeln in Englisch und Französisch (niemand braucht Latein) müssen die Kinder pauken. Dazu reichen zwei Wochenstunden im Klassenverband nicht. Und Romane und Kurzgeschichten müssen auch nicht unbedingt während des Deutschunterrichts gelesen werden.

All diesen Lerntätigkeiten ist gemein, dass sie von den Schülerinnen und Schülern selbst vorgenommen werden sollten und dass die Anwesenheit von didaktisch ausgebildetem Personal nicht unbedingt erforderlich ist. Im Gegenteil ist es sogar von Vorteil, wenn die Lernenden nicht bei der kleinsten Schwierigkeit eine Fachperson konsultieren können, sondern einmal selbst den Dreh herausbekommen müssen.

Nun muss das Lernen natürlich nicht unbedingt zuhause erfolgen. Und hier gebe ich euch recht, die völlig unterschiedlichen Lernbedingungen, die Kinder zuhause haben, sind nicht immer optimal. Da sind echte Ganztagsschulen eine gute Idee. Schulen, an denen die Kinder verlässlich von  acht bis vier betreut sind und neben Unterricht, Mittagessen und Sportaktivitäten auch Arbeitsplätze haben, an denen sie lernen und üben können.

Da gibt es aber ein paar Hürden gegen. Zum einen ist es teuer, eine Schule zu einer Ganztagsschule aufzurüsten. Die Räumlichkeiten mit entsprechender Ausstattung müssen erstmal vorhanden sein und die Freizeitbetreuung braucht Personal. Zum anderen wehren sich nicht wenige Eltern gegen Ganztagsschulen und möchten ihre Kinder, aus sehr unterschiedlichen Gründen, gar nicht so lange in der Schule lassen. Das Problem ist durchaus etwas vielschichtiger als du, Erbloggtes, uns weis machen willst.

Ute GerhardtUte
Auch ich denke nicht, dass hinter all dem das Bestreben steckt, bestimmte “Klassen” der Bevölkerung mit Absicht und im vollen Bewusstsein klein und dumm zu halten. Das halte ich in der Tat ebenfalls für eine Verschwörungstheorie, die allerhöchstens bei einzelnen Lehrern ansatzweise den Fakten entspricht. Das hatte ich ja auch in der Diskussion bei Dr. Mutti schon erwähnt. Die Mittel der Schulen werden einfach den Ansprüchen nicht gerecht – das ist das Hauptproblem.

Und dieses Problem betrifft leider auch die Ganztagsschulen. Die Hausaufgabenbetreuung dort hat sich in unserem Fall oft noch inkompetenter als die meisten Arbeiter-Eltern erwiesen. Da werden zum Teil Praktikanten aus dem 10. Schuljahr auf die Kinder losgelassen, die selber nicht richtig schreiben und rechnen können, weil anderes Personal zu teuer ist. Qualifiziertes erst recht. Es ist dort außerdem laut, es ist dreckig, es ist nicht wirklich genug Platz. Ein halbes Jahr lang habe ich mir das bei unserer Tochter mit angesehen, dann habe ich angeordnet, dass sie ihre Hausaufgaben zu Hause macht, statt in der Schule. (Mittag gegessen hat sie dort nie – es ist bekannt, dass das Catering nämlich auch nichts taugt. Aus den selben Gründen.)

Joachim
Ja, das sind Punkte, wie ich sie meinte. Die Schule muss ausreichend saubere und ruhige Arbeitsplätze zu Verfügung stellen. Idealerweise mit einer Handbibliothek, falls sie Schülerinnen und Schüler mal etwas nachschlagen müssen. (Physikalisch ergänzen sich diese Anforderungen, weil Bücher auch gute Schallschlucker sind.) Vom Schulessen dürfen wir erwarten, dass es frisch zubereitet ist und eine zuverlässige Qualität hat. Außerdem muss es schmecken.

Aber in einem Punkt möchte ich doch widersprechen. Wenn die Hausaufgaben fachlich kompetente Betreuung erforderlich machen, sind es keine Hausaufgaben. Solche stillen Aufgaben können Teil des Unterrichts sein, Hausaufgaben dagegen müssen ohne Hilfe von außen durchführbar sein. Also indem sie im Unterricht erworbenes Wissen eintrainieren, ab und zu könnte eine Knobelaufgabe dabei sein, bei der ich aber als Lehrer nicht erwarten würde, dass alle Schülerinnen uns Schüler sie vollständig lösen können. Insgesamt muss es sich hier aber um Aufgaben ohne Hilfestellung handeln.

Übrigens zieht sich das im Studium fort. Ich habe im Studium der Physik auch mehr aus Hausaufgaben als in den Vorlesungen gelernt. Manches Wissen muss man sich selbst erarbeiten.

Dierk HaasisDierk
Sicher, Fertigkeiten selbst zu erarbeiten – Wie benutze ich eine Bibliothek? Wie kondensiere ich große Fachbuchstapel? Was sind eigentlich meine Talente? – sollen Schüler. Dazu gehört, einen Ansprechpartner zu haben, der nicht schnell die Lösung ausgibt, sondern Wege aufzeigt. Klassisch gesagt: Jemand, der nicht nur weiß, wie ES geht, sondern dies durchaus auch aus dem Handgelenk didaktisch aufbereiten kann. Üblicherweise keine Eltern.

Eine Verschwörung steckt selbstverständlich nicht dahinter, sondern eine Mischung aus Bräsigkeit und Ellenbogenmentalität. ‘Das haben wir immer schon so gemacht’ taucht in dem Zusammenhang bei Eltern gerne als ‘Hat uns auch nicht geschadet’ auf, Lehrer stecken – wie Erbloggtes auf Twitter richtig festhielt – im System, müssen dieses bedienen, während sie es gleichzeitig ändern. Auch Politiker müssen abwägen, was machbar ist, was wünschen ihre Wähler, was sagen Fachleute, wie viel Geld kostet das kurz- und langfristig.

Hausaufgaben liegen im Spannungsfeld zwischen überholtem mehrgliedrigem Halbtagsschulsystem, angeblichen Sparzwängen, gesellschaftlichen Umbrüchen und demografischem Wandel. Lehrplangestalter und Lehrer nutzen sie als notwendiges Übel ein, um geforderten Stoff überhaupt erarbeiten zu können. Bei aller Klage finden Eltern sie gut, um das eigene Kind anzutreiben und ihm Vorteile zu verschaffen. Politiker kümmern sich eher selten um die praktischen Details, aber sie sehen den Vorteil billiger Bildungspolitik, die Lehrerstellen streicht, Schulreformen aufschiebt und Homeschooling auf kaltem Wege legalisiert.

Joachim
Moment mal! Wir reden, glaub ich, aneinander vorbei. Wenn du, Dierk, ohne Begründung sagst, zur Hausaufgabe gehöre ein Ansprechpartner, dann reden wir über unterschiedliche Dinge. Die Hausaufgabe hat nicht dieselbe Funktion wie stille Arbeit im Unterricht, bei dem die Fachlehrkraft selbstverständlich dabei ist. Die Hausaufgabe ist eine abgeschlossene Aufgabe, die mit den bereits im Unterricht erarbeiteten Mitteln lösbar ist und das gelernte verfestigt.

Wenn ihr beide nun Hausaufgaben mit fachlicher Betreuung und Erläuterung, “um geforderten Stoff überhaupt erarbeiten zu können”, fordert, dann ruft ihr nach mehr Unterricht. Kann sein, dass das auch nötig ist, aber es ersetzt nicht die eigentliche Hausaufgabe.

Natürlich ist es ein Problem, wenn Lehrkräfte Aufgaben stellen, die die Kinder ohne zusätzliche didaktische Aufbereitung durch Eltern oder professionelle Nachhilfe gar nicht lösen können. Aber deswegen die Hausaufgabe an sich in Frage zu stellen, finde ich übertrieben. Ein Mittel, das falsch genutzt wird, kann dennoch, richtig genutzt, seine Berechtigung haben. Hausaufgabe, die diesen Namen verdient und nicht ein Feigenblatt für Homeschooling ist, kann sehr wertvoll sein. Durch sie habe ich zum Beispiel Mathematik gelernt, obwohl meine Eltern beide keinen Schimmer von Mathematik auf dem Gymnasium hatten.

Ute GerhardtUte
“Insgesamt muss es sich hier aber um Aufgaben ohne Hilfestellung handeln.” Das wäre der Soll-Zustand. Orientieren muss man sich im Interesse der Kinder aber am Ist-Zustand, und der sieht nun mal leider immer noch Hilfe durch Dritte vor. Wenn die Lehrer das jedoch erwarten, dann soll diese Hilfe aber wenigstens an den Ganztagsschulen bitte auch qualifiziert sein.

Den Anspruch, dass auf jegliche Hilfe verzichtet wird, auf dem Rücken der Kinder auszutragen und sie in den Ganztagsschulen einfach nicht anzubieten, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Dann wären die Kinder, die dort ihre Aufgaben machen (müssen) nämlich gegenüber den anderen erst recht im Nachteil.

Man könnte nun natürlich hingehen und sagen: Ganztagsschule ist Pflicht. Alle Kinder müssen ihre Aufgaben dort erledigen, und zwar alleine! Nur: Was sich dann ab 16:00 Uhr zu Hause abspielt und ggf. nachgebessert/nachgeholt wird – das wird sich immer der Kontrolle der Schulen entziehen. Ein Grund mehr, direkt in den Schulen die bestmögliche Hilfe für Kinder aus allen Schichten anzubieten, statt notdürftiger Aufsicht durch Halbwüchsige.

Joachim
Das stimmt wohl. Individuell und kurzfristig müssen wir uns am Ist-Zustand orientieren. Ich habe schon viele Stunden damit verbracht, meiner Nichte die Dinge zu erklären, die ihr Mathelehrer hätte erklären sollen. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir den Ist-Zustand nicht kritisieren können. Nun bräuchten wir hier tatsächlich mal einen Lehrer oder eine Lehrerin, die uns erklärt, woran es eigentlich liegt, dass soviel Hilfestellung nötig ist. Ist der Lehrplan zu umfangreich für die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit? Sind die Klassenstärken zu groß? Wird die Leistungsfähigkeit der Kinder einfach überschätzt? Oder ist es am Ende doch Absicht, einen Teil der Lehrtätigkeit ins Private auszulagern? Ich weiß die Antwort nicht, vielleicht ist es eine Mischung aus mehreren Komponenten.

ErbloggtesErbloggtes
Ja, ja, ja und ja. Aber eine Verschwörungstheoretikerin lasse ich mich nicht nennen. Wenn Du nach “Absicht” fragst, Joachim, und ich mit ja antworte, oder wenn ich vom “Auftrag der Schule” spreche, dann ist damit doch nicht gemeint, dass irgendjemand einen Masterplan hat, mit dem er eine Absicht verfolgt, und gemäß dem er Aufträge an seine Agenten erteilt. Dazu rede ich auch viel zuviel von den Interessen der unterschiedlichen Akteure, die in einem Konfliktfeld (hier: Schule) aufeinandertreffen. Aus diesen Interessen (und Wünschen und Überzeugungen und Machtpositionen…) ergeben sich die einzelnen Handlungen der Akteure, und aus ihrer Summe sowas wie die Systemlogik. Die hat niemand von langer Hand geplant, aber man sollte sie sich bewusst machen, wenn man etwas am Bestehenden verändern will. Die erwähnten idealistischen Lehrer zum Beispiel, die versuchen, Kindern möglichst viel beizubringen, statt sie nur zu selektieren, verstärken genau die von ihnen nicht erwünschten Selektionseffekte nach Elternhaus, wenn sie viele oder anspruchsvolle Hausaufgaben aufgeben.

Anmerkungen:
1. Das ist aber wirklich ein Thema für einen anderen Beitrag.
2. Das habe die Bertelsmann-Studie “Schulen und Gerechtigkeit” 2010 festgestellt, berichtet Heinrich Bosse: Die Krise der Abschlussnote. Die Aufnahmeprüfung kehrt zurück. In: Merkur 05/2013, abgerufen von online-merkur.de am 1. Mai 2013 (PDF, 1,09 MB).
3. Heinrich Bosse, ebenda, verweist auf den Bildungsforscher Klaus Klemm als Quelle dieser Angaben.
Das ist aber wirklich ein Thema für einen anderen Beitrag.
Das habe die Bertelsmann-Studie “Schulen und Gerechtigkeit” 2010 festgestellt, berichtet Heinrich Bosse: Die Krise der Abschlussnote. Die Aufnahmeprüfung kehrt zurück. In: Merkur 05/2013, abgerufen von online-merkur.de am 1. Mai 2013 (PDF, 1,09 MB).
Heinrich Bosse, ebenda, verweist auf den Bildungsforscher Klaus Klemm als Quelle dieser Angaben.
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Ein Kommentar zu Hausaufgaben – Homeschooling der kleinen Bildungspolitik

  1. Erbloggtes Erbloggtes sagt:

    Zu Hausaufgaben und den dahinterstehenden Schul- und Wissenstheorien am Beispiel Mathe hat Peter Monnerjahn hier einiges angemerkt:
    http://www.bildungsbasar.de/2013/10/hausaufgaben-sind-wichtig-sonst-kamen-schuler-noch-zum-nachdenken/

  2. Pingback: Fundstücke der Woche #38 | food and blood

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