#Schulsport ist Mord

MichaelMichael
Die Äußerungen und Diskussionen, die Anna Berg vor einigen Tagen unter dem Hashtag #schulsport lostrat, haben wohl gezeigt, dass der Sportunterricht bei vielen Schülern seelische Verletzungen hinterlassen hat. Los ging es mit diesem Eindruck:

Bin immer wieder wütend und entsetzt, wie vielen Menschen der Schulsport jede Lust an Bewegung nachhaltig ausgetrieben hat.
— Anna Berg (@bergdame) 22. Januar 2014

Hier eine kleine Auswahl von Tweets, welche die Misere der schulischen Leibesertüchtigung zeigen und ihren Zusammenhang mit der fast genau ein Jahr zurückliegenden #Aufschrei-Debatte demonstrieren:

Auch immer schön: Niemals laufen üben und dann einmal im Jahr bitte die 800/1000 Meter für die Benotung abreißen müssen. #schulsport
— Anna Berg (@bergdame) 22. Januar 2014

Ich hatte ein extremes Problem damit, vor anderen Sport zu machen, und hatte als Kind Angst vor jeder Sportstunde. #Schulsport @bergdame
— Die Großinquisitorin (@Tofutastisch) 22. Januar 2014

@bergdame Du bekommst Noten für deinen Körper. Es ist so eng mit Selbsthass und Essstörungen verknüpft. #schulsport
— teresa bücker (@fraeulein_tessa) 22. Januar 2014

#schulsport erinnerung an ekelhafte “hilfestellung” durch lehrer beim geräteturnen #aufschrei
— #Widerborstig (@JakobTheresa) 22. Januar 2014

Wenn mich der #schulsport eines gelehrt hat, dann dass ich und mein Körper falsch sind.
— Jella (@Nienor_) 22. Januar 2014

Ich hab meinen Körper (und mich) so abgrundtief gehasst, weil der Spott im #Schulsport so furchtbar war und ich mich vorgeführt fühlte.
— Brikkoli (@krokodilgemuese) 22. Januar 2014

#Schulsport war das wo man ausgelacht wurde weil man nicht fangen kann aber auch nicht beigebracht kriegt wie man fängt ne?
— *hüpf* (@Bediko) 22. Januar 2014

Kinder laufen um die Wette

Schulsport auf der Jahnkampfbahn

Die Liste der Beiträge ist lang und wird noch länger, aber die Schwerpunkte sind klar. Und da stellt sich dann doch die Frage, was der ganze Spuk soll. Bei genauerer Betrachtung werden auch die Argumente für den Sportunterricht recht dünn: Wenn gerade die Leute abgeschreckt werden, die eigentlich zum Sport herangeführt werden müssten und welche größere Vorbehalte gegenüber sportlicher Betätigung entwickeln, dann kann man den ganzen Spaß auch einfach sein lassen. Die Sportskanonen spielen dann in ihren Vereinen und gut ist. Ende des Zwangs, Ende der Benotung, Ende der Beschämung. Und vielleicht entwickelt sich dann bei Vielen doch ein positives Bild vom Sport, wenn sie ihn ohne die negative Gruppendynamik der Schule außerhalb von muffigen Sporthallen kennenlernen.

ErbloggtesErbloggtes
Hallo Michael, schön, dass du auch mal wieder hier bist! Das ist aber eine steile Forderung, das Fach Sport aus dem Lehrplan zu streichen. Hast du nicht auch den Eindruck, dass sich unter dem Hashtag #schulsport vor allem eine Generation von erfolgreich gebildeten, medien- und schriftsprachkompetenten Schülern aus den Abiturjahrgängen etwa 1990 bis 2010 versammelt hat, die im Rückblick zwar das Gelernte klassischer Hauptfächer wie Deutsch, Englisch und Mathe zu schätzen wissen, deren Beziehung zu Körper und Körperlichkeit aber problematisch ist? Ich sehe da einen Zusammenhang zur Internetkommunikation gerade auf Twitter, zu den geistigen sozioökonomischen Anforderungen (Deutsch, Englisch, Mathe und weitere nützliche Kenntnisse), mit denen diese überwiegend studierten (oder noch studierenden) Erwachsenen heute ihren Lebensunterhalt bestreiten (oder bestreiten wollen), und zur Privatheit von Körperlichkeit.
Sport gilt dabei wohl als Mittel der Herrschaft über sich und den eigenen Körper, Ausdruck von Autonomie, Selbstbeherrschung und Kontrolle in einer unkontrollierbaren Umwelt. Ein solches Instrument muss ebenso erwünscht sein, wie es für das skizzierte Milieu entweder unverfügbar ist oder nur durch schwierige eigenständige Entwicklungsleistungen (nach oder neben der Schule) errungen wurde. Der schulische Sportunterricht hat ihnen dabei nicht geholfen, eher behindert, das mag stimmen. Aber wenn auf Twitter alle berichten, dass sie beim Mannschaftssport immer zuletzt gewählt wurden, was ist dann mit den 97 Prozent der Schüler, die nicht immer die Letzten waren? Nähme man denen durch Abschaffung des Sportunterrichts nicht die einzigen Schulstunden weg, in denen sie sich mal nicht geistig überfordert gefühlt haben?

MichaelMichael
Hängst du den Sport da nicht doch etwas zu hoch? Klar neigen Sportfunktionäre dazu, ihren Sportarten allerlei Wunderwirkungen anzudichten, aber am Ende lernt man dann nicht Gemeinschaft oder Körperkontrolle, sondern joggt 5000 m im Kreis über eine Aschebahn. Bei einem Klimmzug lernt man auch keine größeren Werte, sondern man zieht sich mit Muskelkraft an einer Stange hoch. Ich sehe auch nicht, dass man “Autonomie, Selbstbeherrschung und Kontrolle in einer unkontrollierbaren Umwelt” lernen kann, wenn man in eine versiffte Sandgrube springt oder auf einem Schwebebalken rumhopst. George Orwell hat angemerkt, dass auch größere Sportereignisse nicht zur Völkerverständigung beitragen, genau wie Fußball auch nicht zur Städefreundschaft zwischen Dortmund und Gelsenkirchen beiträgt. Es gehört zum Wesen einer jeden Betätigung, dass sie irgendwann eine eigene Rechtfertigung entwickelt und behauptet, dass nur über sie Kinder irgendwelche Kompetenzen entwickeln können. Man darf durchaus anzweifeln und sich fragen, ob man nicht auch Autonomie, Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle lernen kann, wenn man kein Interesse an Volleyball hat.
Klar sehe ich auch, dass der Sportunterricht durchaus vielen Spaß gemacht hat und dass natürlich immer nur einer als Letzter gewählt werden kann während alle anderen logischerweise vor ihm dran sein müssen. Trotzdem zeigt ja gerade #schulsport, dass einiges im Argen liegt – und das ist systemisch bedingt. Du gehst ja auch nicht mit deinem kompletten Büro Sport treiben, weil Sport eben genau die Maske herunterreißt, die man sich täglich aufsetzt und das Bild zerstört, das man nach außen darstellen will. Man schwitzt. Man ist außer Puste. Man kann etwas nicht. Man fällt mal auf’s Maul. Es kann weh tun. Es gibt Körperkontakt. Das ist etwas, was man a) wollen muss und b) normalerweise mit Menschen macht, die man gemeinhin Freunde nennt. Dass dies im schulischen Kontext mit pubertierenden Jugendlichen in einer Zwangsgemeinschaft Probleme bereitet und durchaus psychologisch belasten kann, ist klar – und auch mein Hauptargument, warum Schulsport abgeschafft werden sollte.

Charlotte
Hallo, ich klinke mich dann auch mal ein. Ich bin Teil eines dieser Abiturjahrgänge zwischen 1990 und 2010 und erinnere mich an den Schulsport nur dahingehend, dass es in einer muffigen Turnhalle immer nur nach Schweiß und Chinagewürz roch, ich den meisten meiner Sportlehrer eine vorurteilsbelastete Denkweise attestieren würde und allein schon das Umkleiden ein kleiner Spießrutenlauf pubertärer Gehässigkeiten war (aber die kommen woanders auch vor). Ich bin hier jetzt auf einer emotionalen Schiene, aber ich kann mich daran erinnern, wie oft ich mich angestrengt habe und das einfach nicht wertgeschätzt wurde. Ich verbesserte mich zwar, aber das war – gemessen an allen anderen – immer noch nicht gut. Deswegen gab es dann regelmäßig eine Drei. Dreien bekam ich woanders auch, aber eine Klasse, die sich sehr über körperliche Fitness definierte, sah eine Drei in Sport etwas anders als eine Drei in Religion – das nur mal so als Gedanke.
Ich finde, der Sportunterricht gehört nicht abgeschafft, Bewegung ist gut, aber warum Noten? Es gibt extra Sportgymnasien für Ausnahmetalente, diese Art der Förderung würde ja nicht aussterben, aber nichts hat mich mehr demotiviert als die wöchentlichen 90 Minuten Top-Spin-Tischtennis üben oder Bundesjugendspiele, wo es am Ende hieß: “Ich habe heute leider keine Urkunde für dich.” Leute, die Sport im Abi hatten, werden nachher meist leicht verächtlich angeschaut. Also scheint diese Bewunderung der guten Noten sich ja irgendwann zu drehen, Sport ist also nur an der Schule besonders wichtig? Und zwar m.E. ziemlich wichtig. Ich habe einen Fall erlebt, dass jemand fast mal wegen Sport sitzen geblieben wäre. Bei Unterrichtsverweigerung kann ich das ja noch halbwegs nachvollziehen, aber wegen einer Sechs in Sport sitzen zu bleiben, erschließt sich mir nicht. Bis heute habe ich beim Sport übrigens den Drang mich zu verbessern, wo es eigentlich vollkommen ausreichen würde, mein mir Mögliches zu geben, aber: ich muss ja besser werden. Warum auch immer.

ErbloggtesErbloggtes
Willkommen Charlotte! Hast du schon was zu trinken bestellt? Sonst rufe ich dir grad den Wirt. Sport bedeutet also etwas, sonst würdest du nicht besser werden wollen, und Michael würde nicht mit dem Rad durch die Berge fahren, sondern mit dem Bus. Das ist eine gesellschaftliche Bedeutung, die durch die Bedeutung reflektiert wird, die er für euch hat. Ich glaube, ein Sport-Abi wird nur unter intellektualisierten Akademikern schief angeschaut. Es sind jeweils die eigenen Peer-Groups, die dem Sport die Bedeutung verleihen: Ob er Gelegenheit für Selbstdefinition über Fitness, für pubertäre Gehässigkeit, für Selbstdarstellung oder Dekonstruktion der Selbstdarstellung, für Teambuilding oder zur Völkerverständigung gut ist – oder böse ist – jede dieser Funktionen erhält Sport nur durch die Beteiligten (und indirekt durch die Gesellschaft, in der sie leben).
In der Schule treffen die Beteiligten in einer speziellen Konstellation aufeinander, oder besser: in individuellen Konstellationen, die gewissen Regelmäßigkeiten unterliegen. Es gibt eine Gruppenleitung, der die anderen ausgeliefert sind (Schulpflicht, Noten). Es gibt Ausgangsbedingungen und -fähigkeiten, die unterschiedlich ausgeprägt sind. Es gibt Gruppendynamiken. Alles so wie in allen anderen Schulfächern. Und es gibt – das ist das Spezifikum, das Sport von den anderen Fächern unterscheidet – Schülerinnen und Schüler, deren Körperlichkeit von Bedeutung ist.
Wenn in “geistigen” Fächern Körperlichkeit relevant wird, dann gilt das als Problem: Beispiele wären eine zu schwache Sehkraft, um an der Tafel zu lesen – oder eine Gehbehinderung, wegen der eine Schülerin bestimmte Räumlichkeiten wie das Chemielabor nicht recht erreichen kann. Das sind keine Gründe für schlechte Noten, sondern für bessere Hilfsmittel wie Brille oder Rollstuhlrampe. Die für eine gute Note geforderte Hochsprunghöhe könnte man auch durch ein Exoskelett erreichen, eine sehr gute Zeit im 100-Meter-Lauf durch Rollschuhe. Aber das wird in Sport nicht gemacht (obwohl ich solchen problemorientierten Unterricht sehr gut fände). Es geht hier um den Körper. Und da ist auch das Problem zu suchen, das beim #schulsport besteht. Den Sportunterricht abschaffen hieße, das Problem erhalten, aber das Symptom unsichtbar machen.

MichaelMichael
Die Idee, den verhassten 5000-m-Lauf mit dem elterlichen Auto abzukürzen, gefällt mir extrem gut. Ich stimme dir auch zu, dass es um Körperlichkeit geht, teile aber deine Schlussfolgerung nicht. Es ist nunmal Wesen des Aufwachsens und v.a. der Pubertät, dass man seinen eigenen Körper entdeckt. Nicht nur im sexuellen Kontext, sondern auch im sportlichen. Aber auch hier ist der eigene Körper etwas extrem Individuelles: Der eine findet seine Sportart in den Mannschaftssportarten. Der andere geht in die Muckibude pumpen. Wieder ein anderer findet seinen Frieden, wenn er Joggen geht. Andere machen Yoga, Zumba oder Wintersport. Ich fahre gerne mit meinem Rad durch die Gegend. Das kann die Schule nicht abbilden – entweder die Hälfte der Klasse muss plötzlich Zumba betreiben und hasst das abgrundtief, oder die zumbabegeisterte Klasse muss Fußball spielen. Das kann nicht funktionieren.
Dazu kommt, dass Sport zu den kostenintensivsten Schulfächern überhaupt gehört. Es benötigt eine enorme Infrastruktur von Turnhallen, Sportplätzen, Laufbahnen, Sprunggruben, Barren, Recks, Trampolinen und muffigen Matten. Gleichzeitig führt die Ausweitung des Nachmittagsunterrichtes dazu, dass eben diese Infrastruktur zunehmend von den Schulen genutzt wird und eben nicht mehr den örtlichen Sportvereinen zur Verfügung steht. Und dann wird es wirklich absurd: Jugendliche werden zum Schulsport gezwungen und entwickeln z.T. eine Abneigung gegen sämtliche sportliche Betätigung während sportbegeisterten Leuten die Sportanlagen nicht mehr zur Verfügung stehen. Gesellschaftliche Ressourcen kann man sicher besser nutzen.

Dierk HaasisDierk
Als jemand, der selbst nicht gerade war, was man eine Sportskanone nannte, bin ich hoffentlich unverdächtig, wenn ich mich für den Schulsport einsetze. Wie Erbloggtes schon schreibt, hören wir auf Twitter und in Blogs vor allem jene paar Handvoll, die sich viel auf ihre geistige Ausbildung einbilden, denen [sportliche] Körperlichkeit aber suspekt ist. Die anderen, die vielleicht nicht so doll in Englisch waren, denen Literatur zum Hals raus hing, die Geschichte, Philosophie und Sozialkunde/Politik für Laberfächer hielten, die dafür aber ordentliche Fußballer oder brillante Volleyballer waren, liest man nicht.

Es überrascht mich wenig, wenn ich sehe, dass viele auf Twitter für eine Abschaffung des Schulsports waren, einfach weil sie persönlich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir können dasselbe für jedes Schulfach, für nahezu jedes außerschulische Thema durchexerzieren. Die schlechten Erfahrungen einzelner werden aber auch durch eine große Anzahl nicht mehr als Anekdoten. Noch schlimmer, wenn die Grundlage dafür nicht überprüfbare, reale Ereignisse, sondern nur subjektive Empfindungen sind.

Als Schüler lernen wir viel, was wir später im Leben nie wieder brauchen. Kein einziges Schulfach kommt ohne Talent aus, alle benötigen Disziplin. Ich habe auch in meinem Leben noch kein Schulfach gefunden, Michael, das nicht von Schülern gehasst wurde, keines, zu dem Schüler nicht gezwungen wurden. Zu glauben Sport, Kunst oder Musik – die ersten drei Fächer, die immer genannt werden, wenn es um “überflüssige” Fächer geht – wären in diesem Zusammenhang besonders, scheint mir sehr albern. Nur weil diese Fächer oft falsch gelehrt werden und zumindest in einigen Bundesländern auch noch Auswirkungen auf Abschlußnoten haben, ist es kein Grund auch nur eines davon zu streichen. Sie müssen verändert werden!

Kinder in der Schule nur noch sitzen zu lassen, ihnen koordinierte Bewegung vorzuenthalten, kann nicht richtig sein, gerade wenn wir an Ganztagsschulen denken. Schulen müssen für Sportunterricht besser ausgestattet werden, die Bewertung muss vom extrem vereinfachten Koeffizienten ‘Note’ auf eine ausführliche Bewertung geändert werden, die dem Schüler, den Lehrern und den Eltern hilft, die richtige Unterstützung zu finden. Das Angebot an Sportarten muss erheblich vergrößert werden, möglicherweise koordiniert zwischen verschiedenen Schulen in einem Bezirk, so dass die Schüler eine echte Wahl haben. Zu guter Letzt sollte das Fach Schulsport nur dann eine Auswirkung auf den Jahresabschluss haben, wenn einzelne Schüler es explizit wünschen.

Charlotte
Ich kann eure Standpunkte nachvollziehen. Allerdings sehe ich Michaels “individuelle Sportbegeisterung” etwas anders. Ich finde, Schule sollte schon unterschiedliche Sportarten vermitteln (auch wenn das teuer ist), denn nur so kann man sich überhaupt ausprobieren, vor allem dann, wenn einem eine Sportart finanziell außerhalb der Schule nicht ermöglicht werden kann. Dass Feldhockey Spaß machen kann, hätte ich z.B. nie gedacht. Dass der Körper in unserer Gesellschaft massiv aufgeladen ist, sieht man in jeder Frauenzeitschrift. Statt diese individuellen Körper aber als das zu akzeptieren, was sie sind, baut man einen Wettbewerb auf, der zum Teil dann wieder in geschlechtergetrenntem Sportunterricht aufgelöst wird – und dort dürfen dann die einen “Fahren, Gleiten, Rollen” machen, während sich die anderen in Yoga, Walken, Tanzen und Badminton ergehen. Statt also einfach gemeinsam Sport zu treiben, so wie es jedem möglich ist, wird hier ein Wettbewerb gefördert. Der wird in allen anderen Schulfächern auch gefördert, aber die Zielsetzung dort ist vermutlich eine Ausbildung, die auf spätere Berufe vorbereitet. Kraftfördernder Sport kann aber zum Beispiel auch einem beruflichen Ziel dienen. Dennoch würde ich behaupten, dass Ausbilder nicht unbedingt auf die Sportnote schauen werden, wenn ihnen eine Bewerbung vorliegt.

ErbloggtesErbloggtes
Man darf nicht ignorieren, dass die Körpererfahrung nicht von selbst kommt, dass Kinder aus bestimmten Milieus nie auf die Idee kämen, bestimmte Sportarten auszuprobieren, und dass Schulsport etwas sein könnte, was Heranwachsende nötiger haben als Deutschunterricht. Vermutlich gibt es sogar sportdidaktische Konzepte, die all die Probleme berücksichtigen, die unter #schulsport diskutiert wurden. Ob davon etwas in der Praxis ankommt, da habe ich gehörige Zweifel, weil es schwer mit dem System Schule vereinbar ist, selbstbewusste, freie Menschen heranzuziehen. Aber wir dürfen auch nicht annehmen, dass heute alles so ist wie damals: Wer 1990 Abitur gemacht hat, kann 1980 ohne weiteres einen Sportlehrer aus dem Geburtsjahrgang 1920 gehabt haben. Und was der im besten Schul- und Studienalter so erlebt haben mag, da dürfte der Einsatz einer Trillerpfeife noch zu den niedlicheren Traditionen gehören. Dass der Sportunterricht frei von unseren soziokulturellen Defekten wäre, kann man wirklich nicht sagen. Aber ihn abzuschaffen würde eine andere Art soziokulturellen Defekt ausdrücken: Das Individuum mit seinem Körper sich selbst zu überlassen.

MichaelMichael
Diese “Vermittlung von Sportarten” ist allerdings eine neuere Entwicklung – traditionell hat der Schulsport ausgehend von Turnvater Jahn eine erstaunlich militaristische Komponente. Da ging es dann um körperliche Fitness, damit die werten Kinder auch nachher ordentlich für’s Vaterland kämpfen konnten. Das merkt man manchen Sportarten in der Schule auch noch an, und genau das führt eben auch z.T. zu diesen angesprochenen Problemen. Gut, heute ist es anders, man sollte diese Entstehung aber nicht unterschlagen – viele der im Hashtag angesprochenen Probleme kommen genau aus dieser Tradition.

ErbloggtesErbloggtes
Völkerball, möchte ich einwerfen. Schon im Namen steckt die völkische Ideologie, und das Spielgeschehen simuliert einen Vernichtungskrieg. Da soll noch jemand sagen, Computerspiele wären schädlich für die Jugend.

MichaelMichael
Ich weiß auch nicht, ob Sportarten-Kennenlernen eine ordentliche Begründung für einen Sportunterricht ist. Das ließe sich auch anders lösen, etwa über bessere Jugendwerbung der Sportvereine. Die wirkliche Frage ist aber: Wie kann ein Sportunterricht aussehen, bei dem am Ende nicht ein Teil der SchülerInnen sämtliche sportlichen Aktivitäten hassen gelernt hat?

Anmerkungen:
1. Was vermutlich nicht einmal stimmt. Selbst von den paar vereinzelten Gestalten, die in Deutschland bei Twitter sind, haben sich sehr wenige an der Befindlichkeitsklage #schulsport beteiligt.
2. Gut, eine Ausnahme, zumindest in Hamburg, ist Religion – das Lachfach für alle, selbst gläubige Schüler.
3. Nein, manchmal werden die auch von sehr guten, engagierten Lehrkräften sehr gut gelehrt. Ebenso wie die selten zur Diskussion stehenden Kernfächer – Deutsch, Mathe, Physik, Englisch – nicht immer gut gelehrt werden; auch da habe ich Grauenhaftes erleben dürfen.
4. Auch hier: das gilt für alle Fächer.
Was vermutlich nicht einmal stimmt. Selbst von den paar vereinzelten Gestalten, die in Deutschland bei Twitter sind, haben sich sehr wenige an der Befindlichkeitsklage #schulsport beteiligt.
Gut, eine Ausnahme, zumindest in Hamburg, ist Religion – das Lachfach für alle, selbst gläubige Schüler.
Nein, manchmal werden die auch von sehr guten, engagierten Lehrkräften sehr gut gelehrt. Ebenso wie die selten zur Diskussion stehenden Kernfächer – Deutsch, Mathe, Physik, Englisch – nicht immer gut gelehrt werden; auch da habe ich Grauenhaftes erleben dürfen.
Auch hier: das gilt für alle Fächer.
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5 Kommentare zu #Schulsport ist Mord

  1. Ralf sagt:

    Was ist die Aufgabe der Schule?
    Die Aufgabe der Schule ist die Sicherstellung, dass alle Schulabganger ein Grundwissen und Grundfähigekten haben, die für ein Teilehmen an unserer Gesellschaft notwendig sind.
    Dazu gehört neben Deutsch und Mathe auch Sport.
    Spaß ist in diesem Zusammenhang kein Ziel sondern Motivation zum Ereichen des Ziels.
    In einen Sportverein trete ich dann ein, wenn ich mich besonders für eine Sportart interessiere.
    Eine Grundversorgung ist nicht Aufgabe des Sportvereins.

    Um zu wissen wie es mit Schulsport weitergeht müssen wir uns also folgende Fragen stellen.

    1) Gehört Sport zu den Grundfähigkeien eines Bürgers.
    Klingt erst mal nach einem klaren nein.
    Doch es ist Wichtig das man auf ein auf einnen zurasendes Fahrrad reagieren kann.
    Es ist wichtig dass man Schwimmen kann. usw
    All das wird im Schulsport trainiert.

    2) Wie kann ich Schulsport atraktiver machen.
    Diese Frage kann ich sicher nicht erschöpfende Beantworten.
    Was mich am Schulsport stört ist das er nicht vielseitig genug ist. Es gibt mehr Sport als Leichtatlehtik und Fußball.

  2. Pingback: Schulsport: Ein paar Notizen – ryuus Hort

  3. PS sagt:

    Keine Ahnung, was Sport ist.
    Ich liebe Tauchen, Segeln und Radfahren.

    Aber es fast nichts auf diesem Planeten, was ich mehr gehasst habe als Schulsport.

    Voreingenommene Lehrer, und nicht nachvollziehbare Massstäbe.
    Und Bundesjugendspiele ohne dass mir vorher jemand gezeigt hat, wie man einen Ball wirft.
    Und wozu wirft man überhaupt einen Ball, weit?
    Welcher Vorteil für das weitere Leben ist damit verbunden, dass man einen Ball irgendwohin werfen kann? Die Kurvenduskussion habe ich seither als Marketing-Mensch häufiger benötigt.

  4. Pingback: Unsportlich | Kleinerdrei

  5. Pingback: Mens sana trotz Sport | es bleibt schwierig

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