Raufen und Prügeln

AndreaAndrea
Raufen und Prügeln – wichtig zum Erwachsenwerden oder beim zivilisierten, modernen Menschen nicht mehr zeitgemäß?

Auf dem Spielplatz, in Kindergarten und Schule streben Pädagogen und Eltern ein gewaltfreies Miteinander der Kinder an. Ein breites Bildungsangebot unterstützt das Streben nach einer friedlichen Kindheit. Im auf Wettbewerb und Leistung ausgerichteten Bildungsbetrieb soll sichergestellt sein, dass Ausgrenzung über Gewalt nicht stattfindet.

Während in früheren Zeiten™ Prügeln als Teil des Erwachsenwerdens Eingang in die Literatur fand und auch die moderne Blogger-Kultur von blutigen Geodreiecken schreibt, ist Prügeln heute nur noch zwischen erwachsenen Fussball-Hooligans gesellschaftsfähig.

Was wünschen wir uns für die Zukunft?

P.S.: “Mädchen und Jungen unterscheiden sich nicht in ihrer Lust zu kämpfen. ‘Mädchen machen das genauso gerne wie Jungen’, weiß Harald Lange. Und sie kämpfen genauso – wenn sie es denn dürfen.”

ErbloggtesErbloggtes
Das Hauptargument, mit dem man nun dafür plädieren könnte, Raufen und Prügeln einen Platz im Leben Jugendlicher zuzuweisen, wäre doch, dass das irgendwie in der menschlichen Natur liegt. Wenn man nun eine angebliche menschliche Natur prinzipiell nicht als Argument, noch dazu in moralischen Fragen, gelten lassen will, sieht es nicht gut aus für die Gewalt an Schulen und auf Spielplätzen.

Dann könnte man noch anführen, dass körperliche Gewalt eine Ausdrucksform bestimmter Sozialmilieus sei, und dass man Schülern aus sozial benachteiligten Schichten nicht ihr einziges Werkzeug nehmen dürfe, das sie penetranter Besserwisserei, ostentativer Regeltreue oder emphatischem Fremdworteinsatz entgegensetzen könnten. Damit würde man die in der Schule erlernbare Verhaltenspalette unzulässig einschränken und hilflose Hartz-4-Anwärter, die sich ja nicht anders auszudrücken wüssten, in die Arme gewalttätiger Subkulturen wie Hooligans treiben.

Jedoch sind die Kinder aus besserem Hause unter den Prüglern und Raufbolden wohl nicht seltener vertreten als andere, eher im Gegenteil. Und damit sind wir dann auch gleich beim dritten Punkt: In einer gewalttätigen Gesellschaft gehört Gewalt auch in die Schule. Man soll da ja was für’s Leben lernen.

Dierk HaasisDierk
Vielleicht muss man das anders angehen. Schauen wir uns Kleinst- und Kleinkinder an, sehen wir, dass die selbst dann schreien, weinen und um sich schlagen, wenn wir Erwachsene keinen guten Grund darin sehen können. Die berüchtigten tantrums, beliebt an jeder Supermarktkasse.

Machen die Kleinen das nur, um uns zu ärgern? Wollen sie unsere Geduld testen? Möglicherweise. Eine, aus meiner Sicht, bessere Erklärung finden wir, wenn wir Kommunikationsversuche von Kindern ernst nehmen. Ein Kleinstkind kann mit uns noch nicht reden, es versucht nach einigen Wochen Laute zu produzieren, die es bei uns hört. Wir verstehen die nur nicht, wir interpretieren sie einfach nur aus unserer Sicht als ‘Och wie süss’.

Wenn die Kinder mit 1 1/2 bis 2 Jahren endlich gut Wörter kennen und Satzstrukturen bilden, reichen weder Vokabular noch Grammatik aus, jeden ihrer Gedanken an uns weiter geben zu können. Auch, weil wir oft nicht die Geduld aufbringen [können] zu verstehen. Meines Erachtens bleibt das eine sehr lange Zeit so – Kommunikationsprobleme führen zu Frust und dieser entlädt sich in Wutausbrüchen.

Die Schulhofrauferei bringt einen weiteren Aspekt ein: Soziale Hierarchie. Die Kinder testen ihre Stärke aus und versuchen Netzwerke zu knüpfen. Strukturell ist es dasselbe, was wir Erwachsenen auch machen, wenn wir z.B. Trinkspiele und Saufgelage abhalten. Oder wenn wir, da kommt dann die Bildungskomponente hinzu, uns bewusst oder unbewusst in Sprache und Bildungskanon gegenseitig testen.

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3 Kommentare zu Raufen und Prügeln

  1. Erbloggtes Erbloggtes sagt:

    Ihren Eindruck als Pädagoge, Koljazao, in allen Ehren, aber Andrea hat ja bereits angedeutet, dass die Vorannahme von Pädagogen üblicherweise so aussieht wie bei Ihnen, dass nämlich Gewalt nicht mit Herkunft aus besserem Hause zusammenpasst. Diese verbreitete Einstellung habe ich oben im zweiten Absatz meines Beitrags auch zu skizzieren versucht. Die Vorannahme kann ich nachvollziehen, wollte sie aber ausdrücklich in Frage stellen, und zwar aus sozialtheoretischen Gründen. Erhebungen, die mit empirischer Sozialforschung den Zusammenhang von sozialer Schicht und körperlicher Gewalt in der Schule untersuchen, würde ich im Hinblick darauf kritisieren, ob sie geeignet sind, das Ressentiment arm = brutal (um es mal radikal zu vereinfachen) zu widerlegen, oder ob sie es konstruktionsbedingt reproduzieren.

  2. Andrea Andrea sagt:

    Danke für die Rückfrage, Sie sprachen ein Zitat aus dem Beitrag von Erbloggtes an
    (Erbloggtes wird evtl. darauf direkt antworten)

    Aus meiner Sicht

    Die Antwort auf Ihre Frage ist nicht ganz einfach, denn im Post oben geht es um Raufen und Prügeln-
    in den meisten Studien aber um Gewalt.

    ” Denkt mal darüber nach, was heute mit einem Michel von Lönneberga wäre? Wir würden ihn wieder treffen: in einem Erziehungscamp für Schwererziehbare.” http://www.manomama.de/blog/2010/07/27/stuhlkreis-weicheier-selbst-gemacht/

    Fragt man Lehrer/innen, findet sich ein Zusammenhang von “umso niedriger der soziale Status umso gewaltbereiter” Beispiel: http://www.heilpaedagogischeforschung.de/ab0112.htm

    Aber wie kommen solche Ergebnisse zustande, kennen Lehrer/innen in Deutschland/Österreich/Schweiz wirklich Details zum Umfeld ihrer Schüler/innen ? Gibt es regelmäßige Hausbesuche, Kenntnis der Bildungs- und Einkommenssituation der Eltern/Großeltern/StiefEltern (oder wer auch immer an Erziehung beteiligt), oder wird etwa beim Auftauchen von Problemen automatisch auf “die Situation Zuhause muss Auslöser sein” geschlossen ?

    Wenn allerdings an Studien wie http://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-sozial-benachteiligte-schueler-bekommen-schlechtere-noten/5960108.html etwas dran ist, dann kennen Lehrer/innen den sozialen Status der Schüler/innen ?

    <>
    http://www.stopp-gewalt.zh.ch/internet/microsites/stopp_gewalt/de/hintergrund/ursachen.html

    “Schulische Misserfolge können auch zu Delinquenz führen, da hier die Anerkennung durch Lehrer/innen und Eltern eher gering ist. Gerade Jugendliche, für die Schulerfolg sehr wichtig wäre, werden durch Misserfolg verstärkt delinquent.”
    Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/JUGENDALTER/Ursachen-Entstehung-Jugendgewalt.shtml

    Stellen wir uns vor, ob und welche Gewalt in Schulen herrscht
    hängt zu 100% davon ab, ob Lehrer/innen Ausgrenzung als selbstverständlich akzeptieren
    -oder aber bei sich selbst, bei Kolleg/innen und allen Schüler/innen daran arbeiten,
    dass es konstruktives Miteinander gibt.

    Und zurück zur Ausgangsfrage
    kann Raufen und Prügeln Teil eines konstruktiven Miteinander sein
    -oder ist das undenkbar?

  3. Koljazao sagt:

    “Jedoch sind die Kinder aus besserem Hause unter den Prüglern und Raufbolden wohl nicht seltener vertreten als andere, eher im Gegenteil.”

    Das entspricht überhaupt nicht meinem Eindruck als Pädagoge an einer sehr heterogen besuchten Schule. Wenn es dazu Erhebungen gibt, würden die mich interessieren.

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